«

»

Okt 05 2015

Beitrag drucken

Totilas sei Dank!

Totilas schwarz-300pxSchaupferd schwarz-300px

Derzeit herrscht im Dressursport ja große Aufregung und öffentliche Empörung über die Vorstellung eines „halblahmen“ Totilas im Rahmen der Europa-Meisterschaft der Dressurreiter in Aachen. Daneben wurde zu allem Übel auch noch die berüchtigte Rollkur von einem Vertreter des holländischen Teams sozusagen „live“ auf dem Abreiteplatz demonstriert. Experten sagen, dass das eine (Lahmheit) das Resultat des anderen (Rollkur und andere zweifelhafte Trainingsmethoden) ist. Aber wie kam es soweit? Und warum ist das ein Thema für eine Araberzeitschrift?
Ganz einfach: Die Parallelen zur Schauszene sind geradezu frappierend!

In der „modernen Dressur“ wird mit der Rollkur ein (vermeintlich) gewünschter Bewegungsablauf schneller und „extremer“ erreicht, als mit den Trainingsmethoden der „klassischen Reitweise“. Da werden dann im Trab die Beine vorne unnatürlich hoch geworfen, um spektakuläre Tritte zu erzeugen, auch wenn die Hinterhand nicht nachkommt und der Rücken fest ist. Das Ergebnis sind unharmonische Bewegungsbilder und kranke Pferdebeine. Zugelassen und sogar gefördert wurde diese Entwicklung durch die Richter, die nach dem „Extrem“ suchen und dieses am höchsten bewerten, anstatt einen harmonischen pferdegerechten Bewegungsablauf zu belohnen. Schuld ist auch die FN und FEI, die dieser Entwicklung mit klaren Statements zur rechen Zeit keinen Riegel vorgeschoben hat und ihre Richter nicht entsprechend instruiert und geschult hat – und zwar mit Nachdruck. Die Parallele zu Araberschauen liegt auf der Hand: Auch hier gibt es in der Ausbildung Abkürzungen, z.B. um die Standpose zu erreichen, bis hin dass das arme Tier zitternd vor seinem Vorführer steht, und durch „Shanking“ immer wieder „aufmerksam gemacht“ (bzw. an vergangene Bestrafung erinnert) wird. Von den Richtern wird dies leider nicht entsprechend negativ bewertet – im Gegenteil. Und somit nimmt die falsche Entwicklung ihren Lauf, von den obersten nationalen wie internationalen Institutionen geduldet.
In einem bemerkenswerten Artikel in der Frankfurter Allgemeinen (!)* äußerte sich Major a.D. Paul Stecken, einst Angehöriger des legendären Kavallerieregiments 15 Paderborn, danach 35 Jahre lang als Leiter der Westfälischen Reit- und Fahrschule Münster und einer der Ur-Reitlehrer der Nation: „Etwa um 1995 beobachtete man zunehmend Pferde mit engen, zum Teil sehr engen Halseinstellungen. Dies war ein großes Fehlverhalten.“ Alles Hinter-die-Senkrechte-Kommen behindere „das erforderliche Mitschwingen des Rückens als Bewegungszentrum und damit die Qualität des Bewegungsablaufs“. Pferde, die mittels Rollkur unter Spannung gestellt werden, zeigen zwar unnatürliche, spektakuläre, von vielen Richtern hoch benotete Bewegungen, dieser unnatürliche Bewegungsablauf schadet aber sowohl dem Rücken, als auch den Pferdebeinen. Stecken bemängelt, dass die „zuständigen Stellen“ keine eindeutigen Stellungnahmen zu diesem Problem abgaben. So hätten die Richter nicht die Chance gehabt, durch konsequente Urteile die Entwicklung zu bremsen. „Der Satz ,wehret den Anfängen’ hätte Bedeutung verdient gehabt.“
Diesen Abschnitt könnte man nahezu wortwörtlich auf die Araberszene anwenden. Hier werden zwar Pferde nicht zwangsweise „zusammengeschraubt“, aber in der Standpose zwangs-gestreckt und im Rücken-Lendenbereich verspannt, um einem vermeintlichen Exterieur-Ideal nahezukommen. Bewegungen, sofern überhaupt gezeigt, finden aus dieser Verspannung heraus nur über wenige „spektakuläre“ Trabtritte statt, schlimmstenfalls auf engem Zirkel, bevor das Pferd in den Galopp abgleitet oder vom Vorführer gewollt zum Galopp animiert wird, um zu kaschieren, dass es mit den Bewegungen gar nicht so weit her ist. Hier (Araberszene) wie dort (Dressurszene) haben Richter und Institutionen versagt.
Nun könnte man sagen, im Dressursport wird „gerollt“, im Springsport gebarrt, im Distanzsport gedopt – da ist das bischen shanking und posing auf Araberschauen doch eine Kleinigkeit. Es kommt aber wie bei so vielem auf die Öffentlichkeitswirkung an. Der Springsport hat unter dem Barr-Skandal der 1990er Jahre stark gelitten. Der Distanzsport leidet derzeit unter dem Doping-Skandal, der Dressursport unter dem Rollkur-Skandal. Und auch den Araberschauen kommen zusehends Teilnehmer und Zuschauer abhanden – nicht zuletzt wegen gewisser Vorführpraktiken.
Die einfachste Lösung ist immer, den Kritikern und „Whistleblowern“ die Schuld zu geben, dass eine negative öffentliche Meinung entsteht. Damit wird aber der falsche zum Täter gemacht. Die Täter sind die Pferdebesitzer, Reiter und Trainer, die den Erfolg an die oberste Stelle setzen. Die Richter und übergeordnete Institutionen sind die Handlanger.
Nun will ich aber nicht alle über einen Kamm scheren – es gibt auch Richter, die diesen Trend nicht mitmachen. Aber während im Dressursport nun anerkannte Größen der Dressurszene, wie auch die FEI und FN, sich zu Wort melden, und diese Entwicklung kritisieren, vermisse ich entsprechende Statements von anerkannten Züchtern, Richtern und Institutionen im Bereich der Araberschauen. Und wenn der Versuch gemacht wird – ich erinnere mich an Prinzessin Alia Al Hussein, die aufgrund eines „Shanking-Videos“ von Aachen 2011 am darauffolgenden Weltchampionat entsprechend gegen das Shanking vorgehen wollte – dann ist der Filz zwischen Trainern, Richtern, Organisatoren und übergeordnete Institutionen, so effektiv, dass bald alles wieder im Sande verläuft.
Paul Stecken hat den sechsmaligen Olympiasieger Reiner Klimke ausgebildet und unterstützt heute noch dessen Tochter Ingrid Klimke mit Rat und Tat. Und sie zeigt, wie es richtig geht: Ingrid Klimke auf Franziskus in einer Dressurprüfung Kl S ** – Intermediaire I beim „Turnier der Sieger 2015“ in Münster – ein harmonischer Ritt und eine wahre Freude, Dressursport auf diesem Niveau anzusehen. Und es geht auch anders an Araberschauen – nehmen wir die netten, familiären Schauen in Kaub oder Stadl Paura, wo sogar Besitzer ihre Pferde noch selbst vorstellten. Da gab es etliche Vorführer, die ihre Sache richtig gut machten, nicht zuletzt vom Haupt- und Langestüt Marbach, und so zu einer Schau mit toller Atmosphäre beitrugen.
Ja, die Öffentlichkeit – wir alle – können Druck machen. „Empört euch, beschwert euch, und wehrt euch, es ist nie zu spät!“ heißt es so schön in einem Song von Konstantin Wecker. In diesem Sinne können wir diejenigen belohnen, die versuchen, den rechten Weg zu gehen, in dem wir sie mit Applaus unterstützen. Aber wir können auch diejenigen mit Buhrufen abstrafen, von denen wir glauben, dass sie ihre Erfolge mit nicht-pferdegerechten Methoden erlangen. Wir können die Schauen durch Teilnahme oder Besuch unterstützen, von denen wir glauben, dass es dort pferdegerecht zugeht. Und wir können von den Schauen fernbleiben, von denen wir denken, dass dort das Regelwerk mit Füßen getreten wird. Und wir können uns beschweren bei den Institutionen, den Veranstaltern, Disziplinarkomitees und Verbänden, die für die Einhaltung des Regelwerks zuständig sind. Irgendwann ist der Ruf nach Veränderung so laut, dass er nicht mehr überhört werden kann.
Vielleicht bewirkt ja die ganze Aufregung um Totilas frühzeitigen Abschied aus dem Dressursport aufgrund von Überbeanspruchung ein Umdenken in der Dressurszene. Es wäre schön, wenn wir keinen solchen Skandal bräuchten, um auch in der Araberszene einen positiven Weg einzuschlagen.
Gudrun Waiditschka
——————
* Frankfurter Allgemeine, 9.4.2012, www.faz.net/aktuell/sport/mehr-sport/dressurpferd-totilas-unter-zwang-11709951.html
„Unter Zwang“ von Evi Simeoni.

Share Button

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://in-the-focus.com/de/2015/10/totilas-sei-dank/