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Dez 30 2015

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Turcmainatti – National-Araber oder doch Turkmene?

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts waren arabische Pferde eher selten in europäischen Ställen anzutreffen und häufig waren diese in Wirklichkeit orientalische Pferde aus den Randgebieten der Arabischen Halbinsel, also aus Persien, der Türkei, oder gar Südrussland und Turkestan. Außerdem hatten die verschiedenen Autoren unterschiedliche Definitionen, was denn nun Begriffe wie National-Araber, Original-Araber, Arabisches Pferd, Orientalisches Pferd, etc. genau beschreibt.
Wie sehr die historischen Quellen aber über die Herkunft und Rasse eines der bedeutendsten Gründerväter der Trakehnerzucht differieren, zeigt das Beispiel des Turcmainatti.
Beginnen wir mit den Daten, die in allen Quellen (mehr oder weniger) gleich sind: Turcmainatti war ein brauner Hengst, der von 1791 bis 1806 im Friedrich-Wilhelm-Gestüt zu Neustadt/Dosse wirkte. Er hinterlies zahlreiche Nachzucht, einige seiner Söhne wurden wiederum als Beschäler aufgestellt. Kurzum: Ein schlechter Hengst kann er nicht gewesen sein!
1796 erschien die „Charakteristik und Geschichte der vorzüglichsten Hengste und Zuchtstuten der kgl. preussischen Hauptgestüte…“ von Helmbrecht und Naumann. Darin enthalten eine detaillierte Beschreibung des Hengstes, demnach er ein wirklich selten schönes Exemplar gewesen sein muß. Über seine Herkunft lesen wir: „Er gehörte vorher dem ersten Kayserlichen Minister Fürsten Kaunitz-Ritberg und wurde von selbigem dem Königlichen Oberstallmeister Grafen von Lindenau für das Gestüt angetragen.“ Der Ober-Roßarzt Ammon wurde nach Wien geschickt um den Hengst in Augenschein zu nehmen, aufgrund einer Verletzung und Lahmheit hatte dieser aber Bedenken, ihn zu kaufen. „Der Fürst [Kaunitz] befahl ihm aber das Pferd mitzunehmen, und da es den ganzen Beifall des Oberstallmeisters erhielt, so gab er ihn in das Königliche Gestüt…“. „Der Fürst Kaunitz hatte ihn neben einigen persischen Pferden zum Geschenk erhalten, und er stammt wahrscheinlich von den Annecy Arabern [Anazeh Beduinen] ab, welche den besten Stamm von Pferden besitzen. Sein Stammbaum ist verloren gegangen, aber die von ihm eingezogenen Nachrichten bezeugen, dass er von dem berühmten Geschlecht der Dsjülfa abstammt…“
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Friedrich Bürde, gab 1823 eine Serie von sechs Radierungen unter dem Titel „Abbildungen vorzüglicher Pferde die sich in den Königl. Preuss. Gestüten befinden; enthaltend: fünf Hengste des Königl. Hauptgestüts zu Graditz bei Torgau und den National-Araber Turcmainatti“ heraus. Darin beschreibt er ihn wie folgt: „TURCMAINATTI, goldbraun, National-Araber, 5 Fuß 3 ½ Zoll hoch, wurde als Postklepper auf der Straße zwischen Egypten und Syrien von einem Agenten des Fürsten Kaunitz für etwas Ausgezeichnetes erkauft und nach Europa geschickt.“
Rudolph Heine berichtet 1870 in den „Blätter für Pferde-Zucht“ über Turcmainatti ebenfalls, daß er „früher ein Postklepper zwischen Ägypten und Syrien war“. Weiters schreibt Heine, er „wurde dann 1790 in Aleppo für den Fürst Kaunitz in Wien angekauft, dem er indeß als Reitpferd (Turcmainatti maß reichlich 5 Fuß 4 Zoll) zu groß war. Dieser mächtige Minister, der ein gleich ausgezeichneter Reiter wie Pferdekenner war, schätzte den Turcmainatti außerordentlich hoch, wie die beiden Briefe des Fürsten Kaunitz an den Grafen Lindenau es näher nachweisen.“ In einem dieser Briefe preist er den Turcmainatti in den höchsten Tönen, bezeichnet ihn aber auch als „cheval asiatique“, also asiatisches Pferd. Auch Graf Lindenau, damaliger Oberstallmeister in Preußen, welcher lt. Heine vom Fürsten Kaunitz den Turcmainatti als Geschenk erhielt, sagt über ihn: „Ein Sohn der Wüste war jedoch der Turcmainatti auf keinen Fall“.
Friedrich Wilhelm Dünkelberg gibt 1898 in seinem Werk „die Zuchtwahl des Pferdes im besonderen das Englisch-Arabische Vollblut“ wiederum eine andere Geschichte zum Besten: Demzufolge wurde „der arabische Hengst“ Turcmainatti von dem österreichischen Konsul für den Fürsten Kaunitz erkauft, und kam als 6jähriger Hengst 1791 nach Neustadt/Dosse. „Der vom Grafen Lindenau nach Wien zum Ankauf entsandte Rossarzt Ammon trug Bedenken, das Pferd zu kaufen, weil ihm der Preis von 1000 Dukaten zu hoch erschien. Dies verdross den Fürsten, dem andere Anerbieten gemacht waren. Im Vertrauen darauf, daß Graf Lindenau den Hengst am besten und stärksten zu nutzen verstehe, überliess ihm der Fürst das Pferd als persönliches Geschenk und der König liess ihn nach der Musterung in Berlin für Neustadt ankaufen.“ Und er überliefert auch das Ende des Hengstes: Als die Preussen von den Franzosen unter Napoleon in der Schlacht von Jena geschlagen wurden, hatte man versucht, einige der Gestütspferde zu retten, indem man sie bei umliegenden Bauern unterbrachte. So auch den Turcmainatty, der aber aufgrund „einer Verletzung der linken Vorderfessel wegen, woraus eine bleibende Lähmung entstanden war, nicht flüchten [konnte]…. Nach Verrath seines Aufenthaltes wurde er von französischen Nachzüglern fortgeschleppt; man hat nie etwas Gewisses über sein späteres Schicksal erfahren.“
Graf C. G. Wrangel aber berichtet von einer gänzlich anderen Geschichte dieses Hengstes in seinem Buch „Die Rassen des Pferdes“ von 1908. Als man nämlich in Neustadt einen hervorragenden orientalischen Hengst suchte unternahm „die österreichische Regierung […] es, den Ankauf eines solchen für Preussen zu besorgen, und es wurde angezeigt, daß in Damaskus ein Hengst Turc-Main-Atti angekauft, in Wien eingetroffen sei und von Preussen abgeholt werden könnte. Professor Naumann wurde hingeschickt, denselben zu übernehmen. Er fand dort einen guten, braunen Hengst, 5 Fuss 2 Zoll gross, der ihm nach Grösse, Figur und Stärke nicht Vollblutorientale zu sein schien. Bald erfuhr er denn auch unter der Hand von Leuten, die beim Kauf und Transport mitgewesen waren, dass dem so sei, dass das Tier bestimmt nicht aus Arabien oder der Türkei, sondern aus Russland nach Damaskus gebracht worden sei und wahrscheinlich aus dem Orlowschen Gestüt stamme. Er verweigerte also die Annahme und berichtete darüber nach Berlin. Inzwischen war dem Fürsten Kaunitz, dem damaligen allmächtigen Minister Österreichs, die Sache sehr unangenehm geworden, um so mehr, behauptete Naumann, weil er einsah, dass bei nur einiger genauer Untersuchung die Abkunft Turc-Main-Attis sicher festgestellt werden könnte und der zum Ankauf benutzte höhere österreichische Beamte arg kompromittiert werden würde. Fürst Kaunitz tat es also selbst oder bewirkte, dass die Regierung es tat, kurz Turcmainatti wurde Friedrich Wilhlem II zum Geschenk übermittelt. Nach dem Sprichwort: ‚Einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul‘, und weil der Hengst dem König Friedrich Wilhelm II sehr gefiel und weil er ihn nicht in der Abkunft herabgesetzt sehen wollte, auch wohl dem Fürsten Kaunitz zuliebe, bekam Naumann den Befehl, nichts weiter über Ankauf und Abstammung des Hengstes nachzuspüren und zu verlautbaren. So ist Turc-Main-Atti bis heute Vollblut-Orientale auf dem Papier gebleiben“.
Sollen wir nun den „offiziellen Aufzeichnungen“ glauben, oder den Geschichten, die damals bei Turcmainattis Ankauf im Umlauf waren? Das bleibt jedem selbst überlassen. Die Wahrheit werden wir wohl nie erfahren. Das Beispiel aber zeigt, daß historische Quellen mitunter ähnliche Probleme bei der Beurteilung der „Reinheit“ eines Pferdes aufwerfen, wie die mündliche Überlieferung der Beduinen. Es ist eben immer „Glaubenssache“!
Gudrun Waiditschka

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