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Jan 10 2017

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Das Auge des Herrn füttert das Pferd

Die Fütterung des Sportpferdes bereitet manchem Distanzreiter Kopfzerbrechen. Die einen Pferde fressen zu viel, die anderen sind pingelig mit ihrem Futter. Alle aber brauchen eine individuelle Anpassung des „Standardfutterplans“ an ihren individuellen Metabolismus und an die verlangte Arbeit. Somit füttert das Auge des Herrn das Pferd.

Werfen wir zuerst einen Blick auf die Besonderheiten des Verdauungssystems des Pferdes:

  • Für alle Säugetiere gilt, dass sie den Hauptanteil der Energie, die aus der Nahrung gewonnen wird, benötigen, um ihre Körpertemperatur bei normaler Körperfunktion aufrecht zu erhalten.
    Wenn sich ein Pferd mehr als normal bewegt und, insbesondere wenn es Gewicht trägt oder zieht, wird extra Energie für die Muskelkontraktion benötigt, die es im Wesentlichen durch den chemischen Umbau von eingelagertem Körperfett erhält.
  • Das Pferd ist in erster Linie ein Grasfresser und kein Körnerfresser! In der Natur verbringt das Pferd die meiste Zeit mit Grasen (im Wechsel mit recht kurzen Ruhe = Verdauungspausen) und erfüllt alle seine Ansprüche aus seinem Futter, das aus einer Vielzahl von Gräsern und anderen verfügbaren Pflanzen besteht. Ist dies nicht möglich, verschwindet die Art aus diesem Lebensraum… Wenn die vorhandene Energieversorgung (sei es durch natürliches Futter oder von verbesserter Qualität) die notwendige Energie für den Aufbau und der Erhaltung der Körpersubstanz (Baustoffwechsel) übertrifft, wird die zusätzlich zugeführte Energie in Körperfett umgewandelt und gespeichert .
  • Der Magen eines Grassfressers hat ein kleines Volumen (weniger als 18 Liter), denn das Futter durchläuft ihn schnell (etwa 2 Stunden). Da das Pferd die ganze Zeit grast, ist sein Magen selten leer und die große Menge an Säure, die von ihm produziert wird, um das Futter „chemisch zu desinfizieren“, kann daher die Magenschleimhäute nicht schädigen.
  • Aus dem natürlichen Futter des Pferdes (viel Rauhfaser) kann man schließen, dass auch die Passage durch den weiteren Darms (was insgesamt über 48 Stunden dauert) langsam vor sich geht, und sein Gedärm und Verdauungsprozess ist durch die bakterielle Verdauung in dem vergleichsweise enorm langen Blinddarm daran angepasst. Dieses Organ, das für eine dauerhafte Füllung gemacht ist, sollte nie „leer bleiben“.
  • Seit der Domestikation des Pferdes und durch die Arbeit wurde die Weidezeit verkürzt und wir zwingen ein ansich herbivores Tier zu einer Getreide-Diät, um unseren Ansprüchen zu geüngen. Tatsächlich kann der Überfluß an Energie, der aus dieser hochenergetischen Diät entsteht (Hafer, Roggen, Mais, Kleie, Erbsen…) für die Arbeit verwendet werden, die die Zeit ausfüllt, die es sonst zum grasen bräuchte.
Das Verdauungssystem des Pferdes /  Digestive System of the Horse:  1 - Zähne / Teeth, 2 - Speiseröhre / Esophagus, 3 - Magen / Stomach, 4 - Dünndarm / Small Intestine, 5 - Blinddarm / Caecum, 6 + 7 Dickdarm / Large Colon, 8 - Enddarm / Rectum

Das Verdauungssystem des Pferdes /
Digestive System of the Horse:

1 – Zähne / Teeth, 2 – Speiseröhre / Esophagus, 3 – Magen / Stomach, 4 – Dünndarm / Small Intestine, 5 – Blinddarm / Caecum, 6 + 7 Dickdarm / Large Colon, 8 – Enddarm / Rectum

Veränderte Lebensweise

Diese veränderte Lebensweise birgt einige Konsequenzen für den Verdauungstrackt:
Die Zähne: – Die Schneidezähne werden normalerweise für das Abrupfen des Grases verwendet, und werden weniger abgerieben, wenn weniger gegrast wird; sie können daher zu lang werden.
– Die Backenzähne haben eine verstärkte Mahlfunktion erhalten (Körner), damit wird die geringste Ungenauigkeit im Zusammenspiel der oberen und unteren Backenzähne verstärkt und kann dazu führen, dass das Pferd Haken an den Zähnen entwickelt. Unsere domestizierten / aufgestallten Pferde brauchen daher manchmal einen Zahnarzt (wenngleich nicht so oft wie manche es einem weiß machen wollen!). In extremen Fällen wird das Pferd nur mit „Mash“ gefüttert.
Der Magen: Bei Stallhaltung ohne Heu oder Stroh über längere Zeit, oder bei langen Arbeitsphasen, produziert der leere Magen dennoch Magensäure. Die Magenschleimhäute sind dann dem Säureangriff schutzlos ausgeliefert, was zu empfindlichen Stellen oder oberflächliche Verletzungen führen kann. Wenn dann bestimmte Bakterien vorhanden sind (und sie sind überall!) kann es zu Magengeschwüren kommen, insbesondere wenn das Pferd ermüdet ist, oder gestresst und dadurch weniger widerstandsfähig gegen die Bakterien ist.
Bei Distanzritten sollte man daher zu lange Teilstrecken (loops) oder zu kurze Rastpausen zwischen den loops vermeiden, weil dies die ausreichende Futterzufuhr unterbindet und damit zu einem leeren Magen führt. Daher sollte ein Pferd möglichst nicht länger als zwei Stunden ohne Futterzufuhr sein. Aufgestallte Pferde brauchen immer etwas Rauhfutter zum fressen.
Der Darm: Die Aufgabe des Dünndarms ist die „biochemische“ Verdauung von größeren Molekülen (Eiweiße, Fette, Vitamine, etc.).
Im Blinddarm wird die Zellulose der Rauhfasern durch die Aktivität der Bakterien in Zucker verwandelt.
Im Dickdarm werden all die Moleküle in den Blutstrom aufgenommen, das überschüssige Wasser wird während der Passage durch den letzten Darmteil entzogen.

Bakterien für die Verdauung

Die mikrobielle Flora des Blinddarms, die für den Aufschluß der Rauhfasern nötig ist, sollte niemals reduziert oder vernichtet werden, denn es ist sehr schwer, eine ausgewogene Bakterienflora wieder herzustellen. Daher sollte der Darm des Pferdes niemals „leer“ von Rauhfasern sein, wie sie in Gras, Heu oder Stroh vorkommen.
Rennpferde (für Flachrennen) erhalten eine faserarmen Nahrung, damit sie möglichst viel „unnötiges“ Gewicht verlieren und ihre charakteristische „Windhund“-Figur erhalten (s. Bild). Da sie sich nur für eine kurze Zeit anstrengen, verbrennen sie auch nur sehr wenig Körperfett im Vergleich zu einem Distanzpferd, von dem ja verlangt wird, dass es läuft und läuft und läuft – und das über viele Stunden hinweg.
Die Leber: Als Grasfresser ist der Organismus des Pferdes nicht dazu gemacht, Fette aufzunehmen. Insbesondere tierische Fette können nicht in seinem Darm absorbiert werden, außer Milch während der ersten Monate; eine Eigenschaft, die der Darm nach und nach während der ersten Lebensmonate verliert. Die Fütterung von Fischmehl ist daher keine Option, wenn das Pferd zunehmen soll, das merkt man spätestens dann, wenn die Pferdeäpfel nach Fisch riechen.
Pflanzliche Fette, wie Mais-, Erdnuss oder Soja-Öl wird besser vom Darm des Pferdes aufgenommen, aber natürliches Futter enthält keine hohen Anteile an solchen Fetten und eine Überbelastung der Leber kann die „Kondition“und die Leistungsfähigkeit eines Sportpferdes vermindern! Einige Formen von Hautproblemen (Ekzeme) können auch ihre Ursache in einer Überbelastung der Leber haben. So gehört beispielsweise Mais zu den fettesten Cerealien, die wir gewöhnlicherweise an Sportpferde verfüttern, aber er sollte nach meiner persönlichen Erfahrng einen Anteil von 1/5 der Gesamt-Cerealien nicht übersteigen.
Nelly Philippot-Hermanne

Im nächsten Teil schauen wir uns an, welche Futtermittel ein Pferd benötigt, und die möglichen Konsequenzen durch Überschusses an einzelnen Komponenten.

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