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Okt 19 2017

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Die Geister, die ich rief!

El Rey schwarz-weiß-transparentJetzt geistern schon seit Tagen Fotos und Videos von diesem amerkanischen „Wunderfohlen“ durch die sozialen Medien und durch’s Netz, dessen Kopf von den einen hochgejubelt wird und angeblich schon 7 Millionen Dollar wert sein soll, von den anderen gebrandmarkt wird als Glöckner von Notre Dame, als Mißgeburt. Die British Veterinary Association (BVA) hat ihm einen Artikel in ihrem Veterinary Record gewidmet, die Pferdepresse hat das Thema aufgegriffen, Newsportale berichten über den Kleinen, ja sogar die Bild-Zeitung verbreitet seine „Story“, d.h. die Geschichte eines völlig überzüchteten Araberfohlens.

Lassen wir einmal dahingestellt, warum das Fohlen so aussieht, wie es aussieht, ob es eine Mißbildung, eine Mutation, oder das Ergebnis einer gewollten, gezielten Züchtung ist. An die schlimmste Variante, nämlich die einer operativen „Nachhilfe“, möchte ich gar nicht denken. Tatsache ist, dass der Typ dieses Fohlens die Menschen zutiefst spaltet. Da sind die einen, u.a. die Besitzer, die ihn für den „King“ halten, auf den die Welt gewartet hat („The World has been waiting…“). Für die anderen ist er das Produkt einer Qualzucht, ein Extrem. Das Problem aber ist gar nicht dieses eine Fohlen. Das Problem ist vielmehr, dass es tatsächlich Leute gibt, dass es Züchter gibt, die dieses Fohlen als das Schönheitsideal des arabischen Pferdes preisen. Sie scheinen (noch) in einer Minderheit zu sein. Aber lassen wir einmal die Älteren unter uns „aussterben“, und die neuen Züchter nur mit Bildern wie diesen in die Zucht hineinwachsen – wie wird dann das arabische Pferd, in 10 oder 20 Jahren aussehen? Wenn nun auch noch die Richter diesen jungen Hengst auf Schauen mit Höchstnoten belohnen, weil das Richtsystem die Extreme belohnt, weil sie dem sozialen Zwang nicht widerstehen können, oder weil sie diesen „Typ“ tatsächlich als das Zuchtziel ansehen, dann ist eine weitere Weiche gestellt. Denn mit ihrem Urteil, mit ihrer Bewertung, geben die Richter auch eine Stimme für das zukünftige Aussehen des arabischen Pferdes ab: Jedes Mal, wenn sie eine 20 für einen extremen Kopf vergeben, ermutigen sie die Züchter, noch extremere Köpfe zu züchten.

Solange dieses Thema innerhalb der Araberzüchter und -freunde diskutiert wurde, gab es Pro und Contra, gab es Befürworter und Gegner, gab es diejenigen mit Dollarzeichen in den Augen und die Ewiggestrigen – aber es hat sich nicht viel geändert. Nun aber wurde das Thema, da es von der allgemeinen Pferdepresse, ja sogar von der „Nicht-Pferdepresse“ aufgegriffen wurde, auf eine neue Ebene gehoben. Und hier können wir noch nicht absehen, wohin die Reise geht. Manche glauben, das Wichtigste ist, Aufmerksamkeit zu erregen nach dem Motto „Any Promotion is Good Promotion“. Und „Aufmerksamkeit“ könnte der Araber bei den Pferdeliebhaber und in der Öffentlichkeit ja durchaus gebrauchen. Aber kann diese Art der Aufmerksamkeit wirklich der Rasse dienlich sein? Ich fürchte nein. Der Araber wird außerhalb seiner Liebhabergemeinde einmal mehr zur Groteske, die gesamte Rasse wird einmal mehr als völlig überzüchtet dargestellt, verrückt war sie ja eh‘ schon immer.

Als erster Verband hat die Arab Horse Society (AHS) in Großbritannien nun ein Statement verfasst, dass es sich bei dem Fohlen um ein US-amerikanisches Zuchtprodukt handele und man in Großbritannien ein arabisches Pferd möchte, das für alle Disziplinen, inklusive Distanzreiten, Rennen, gerittene Schau-Klassen, Dressur und Springen, sowie als Familienpferd geeignet ist. Weiter heißt es: „Die AHS wird auch weiterhin die Zucht des Arabischen Pferdes in seiner natürlichen Form als vielseitiges Pferd, das es ist, unterstützen und fördern, und unterstützt dessen Wohlergehen und die Aufklärung und Weiterbildung seiner Besitzer, Züchter und Freunde.“

Es ist im Grunde traurig, dass sich ein Zuchtverband dazu genötigt fühlt, solch ein Statement abzugeben. Traurig ist auch, dass solche Extreme offensichlich viel Geld einbringen. Ob nun die 7 Millionen Dollar stimmen oder nicht, andere Pferde vor ihm haben tatsächlich nur aufgrund ihres Kopfes sechs- und siebenstellige Summen eingebracht. Aber es ist noch trauriger, dass ein deformierter Kopf Millionen wert sein soll, während Hunderte von gut gebauten Pferden jedes Jahr zum Schlachtpreis verkauft werden.

Die Lawine der Negativpresse ist losgetreten – was kann man jetzt noch tun, um die Auswirkungen einzugrenzen? Eine Möglichkeit ist, diese Meldungen in den sozialen Medien nicht mehr zu teilen. Egal wie und was in den Kommentaren diskutiert wird, es bleibt nur das Bild in den Köpfen der Leser hängen. Ich willl damit niemandem einen Maulkorb verpassen, aber man sollte sich über die Auswirkungen von Facebook & Co. bewußt sein, und bewußt damit umgehen. Eine reflektierte Auseinandersetzung mit einem Thema ist in Facebook kaum möglich. Genau aus diesem Grunde hat IN THE FOCUS die Originalmeldung auch nicht geteilt, werden weder Namen des Fohlens noch der Besitzer hier genannt, und das Bild wurde „verfremdet“ (wobei leider die Umrisse dem Originalfoto entsprechen). Es soll aber gleichzeitig zu einer konstruktiven Auseinandersetzung mit dem Thema aufgerufen werden!
Eine weitere Möglichkeit ist es, positive Presseberichte über unsere Rasse in den Medien (außerhalb der Fachjournale) zu lancieren, die Leistung und Charakter unserer Pferde in den Mittelpunkt stellen. Auch wichtig: Pferde zum Anfassen! Wer einmal direkten Kontakt mit einem „gar nicht so spinnerden Araber“ hatte, und wer die nötige Sensibilität aufbringt, wird sich dem Charme dieser Pferde nicht entziehen können. Es liegt an jedem einzelnen von uns, positive Beispiele zu finden und zu verbreiten, um das Image dieser liebenswerten Pferde wieder aufzupolieren. Sie haben es verdient.
Gudrun Waiditschka

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