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Okt 17 2017

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Eine Oase der Ruhe

In Erinnerung an Nasr Marei, der am 17. Oktober von uns ging, veröffentlichen wir hier eine gekürzte Version eines Artikels, der zuerst in dem deutsch/englischen Magazin ARABER JOURNAL / ARABIAN HORSE EUROPE 03/2004 erschienen ist.

Es ist kaum zu glauben, dass sich zwischen all diesen Wohnhochhäusern, nur eine Querstrasse von der Pyramids Roads in Gizeh, ein Gestüt mit rund 60 Pferden befinden soll. Aber sobald man das Tor zu Albdeia durchschreitet, kommt man in eine andere Welt: Vergessen ist die Hektik des Kairoer Verkerhs, der Krach und Gestank – dieses Fleckchen Erde ist wie eine Oase der Ruhe und des Friedens inmitten des Chaos einer 16-Millionen-Stadt. Und man fühlt sich hier sofort zuhause, denn Dr. Nasr Marei ist einer der großzügigsten Gastgeber, die ich kenne.
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Was vor rund 50 Jahren ein ödes Stück Wüste war, ist heute ein leuchtend grüner Garten, dem Nasr Marei viel Aufmerksamkeit und Pflege widmet. Aber sein Garten ist nur seine dritte große Liebe, zuerst kommen die Pferde und seine drei Schäferhunde, die ihn überall auf dem Grundstück begleiten. „Ich war die meiste Zeit meines Lebens mit Pferden zusammen,“ erklärt Nasr, „und als Kind war ich am liebsten immer im Stall.“

Pferdezucht in schwieriger Zeit

Aber die Verbindung zu Pferden geht bei der Familie Marei weiter zurück, als nur bis zu Nasrs Kindertagen und datiert um 1935, als Ahmed Marei, Nasr Mareis Großvater, zwei Stuten bei der Königlichen Landwirtschaftlichen Gesellschaft (RAS, Royal Agricultural Society) kaufte, die er auf dem Familiensitz nahe einer Stadt namens Banha hielt, etwa 50 km außerhalb von Kairo. Um jedoch die Schwierigkeiten und das auf und ab der Pferdezuchti n Ägypten in dieser Zeit zu verstehen, müssen wir einen kurzen Blick auf die jüngere Geschichte Ägyptens werfen. Nasr Mareis Vater, Sayed Marei, war sein Leben lang mit der Politik des Landes verbunden und war in den 1940er Jahren ein Mitlgied des Parlaments unter König Farouk. Als die Revolution von 1952 den König stürzte, wurde Sayed Marei die Verantwortung für die Landwirtschaftrefom übertragen, später wurde er Landwirtschaftsminister, Vize-Premierminister und Assistent des Präsidenten, daneben hatte er noch zahlreiche andere politische Ämter inne, national wie international, während der 36 Jahre, die er als aktiver Politiker verbrachte. Wie auch immer,1954 wurde Gamal Abdel Nasser Präsident und rief die sogenannte Soziale Revolution aus. Währen das sozialistische Regime regierte, war es illegal, materielle Werte, wie zum Beispiel Pferde zu besitzen. Und sogar die Pferde der ehremaligen RAS, die dann von der Ägyptischen Landwirtschaftsgesellschaft (EAO, Egyptian Agricultural Organisation) betreut wurden, sollten verkauft und in alle Winde zerstreut werden. Nun war die Zeit gekommen, dass Sayed Marei intervenierte, seine politische Karriere aufs Spiel setzte und Präsdient Nasser überredete, die Pferde doch bei der EAO zu belassen, damit mit ihnen weiter gezüchtet werden könne – Nasser folgte seinem Rat.

Über 50 Jahre Albadeia-Zucht

Man kann sich leicht vorstellen, dass dies nicht die besten Voraussetzungen für eine private Pferdezucht waren. Dennoch kaufte Sayed Marei 1951 ein Grundstück – das später Albadeia genannt wurde – in der Nähe der Pyramiden von Gizeh, um dort seine Pferde zu halten. Sein Ziel war es, die reinsten und klassischsten ägyptischen Araber zu züchten. Zu diesem Zweck kaufte er seine Gründerpferde von der RAS (bis 1952) bzw. von der EAO, sowie von verschiedenen Privatgestüten, von denen es damals aber nur etwa vier gab.
Aufgrund seines Berufes und verschiedener Auslandsaufenthalte begann Nasr Mareis aktive Beteiligung in der Zucht erst in den freühen 1980er Jahren, als er das Management des Gestüts übernahm. Mit der Zeit übertrug ihm sein Vater Sayed marei auch die meisten züchterischen Entscheidungen und nach seinem Tod 1993 überanhm sein Sohn die volle Verantwortung.

Gelgelah – Die Botschafterin von Albadeia

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Die meisten Leute verbinden den Gestütsnamen Albadeia mit der Welt-Championesse Gelgelah Albadeia. Sie wurde ohne Zweifel zur besten Botschafterin des Gestüts seit vielen Jahren, wenn nicht in seiner Geschichte. Mit ihrem Sieg am Europa- und Welt-Championat 2003, und nachdem sie zahlreiche andere Championate in Europa gewonnen hatte, wurde ein Traum für Nasr Marei wahr – aber es war auch ein langer und harter Weg. Und es war eine schwierige Entscheidung, sich von ihr zu trennen und sie an das Gestüt Halsdon Arabians in Großbritannien zu verkaufen. Natürlich haben Gelgelahs Erfolge im Schauring für das Gestüt und sein Zuchtprogramm großartige Werbung gemacht. „Ich betrache die Schauen als Test“, erklärt Nasr. „Pferde auf eine Schau zu schicken und damit in einen Wettbewerb und sie von einer Gruppe von erfahrenen Richtern beurteilen zu lassen, ist der ultimative Test und er beweist, ob man auf dem richtigen Weg ist oder nicht. Manche Züchter haben nicht den Mut, sich diesem Test zu unterziehen oder sie glauben, dass sie sowieso die besten Pferde züchten und daher keine Beurteilung von anderen brauchen. Ich glaube aber, dass sie damit falsch liegen.“
Werbung ist für jeden Züchter wichtig, insbesondere in Zeiten, da der Markt flau ist, wie es nun schon seit einigen Jahren der Fall ist. Früher, d.h. in den 60er bis 80er Jahren wurden die Albadeia-Pferde hauptsächlich in die USA verkauft, einige gingen auch nach Deutschland und andere europäische Länder. In den 90er Jahren hat sich das geändert, die USA traten in den Hintergrund und mehr Pferde wurden nach Europa und in den Mittleren Osten exportiert. „Der heimische Markt“, sagt Nasr, „Nimmt die Pferde auf, von denen die Züchter glauben, dass sie für ihr eigenes Zuchtprogramm nicht so wichtig sind. Aber wir wissen ja alle, dass nur sehr wenige Züchter an ihren Pferden verdienen. Mein Ziel ist es, mein Konto im Abstand von fünf Jahren zu überprüfen, ob ich meine Ausgaben mit den Einnahmen kompensieren konnte. Wir ‚alten‘ Züchter züchten aus Liebe zu den Pferden, und um diese noble Rasse zu erhalten.“

Das Vermächtnis wird weitergeführt

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Züchten heißt ständige Entwicklung in Richtung eines Idals – das man vielleicht niemals erreichen wird. „Ich bin glücklich und stolz sagen zu können, dass ich die Qualität meiner Pferde in den letzten Jahrzehnten erheblich verbessern konnte“, erklärt Nasr. „Aber wie in jedem anderen Zuchtprogramm ist immer Platz für weiteren Fortschritt gegeben. Ein Problem zu erkennen, ist der erste Schritt, etwas dagegen zu unternehmen.
Als ich das Gestüt übernahm, hatte ich einige Schwächen bei meinen Pferden, wie die Kruppenform, die etwas kurz war und abfallend. Ich hatte auch kurze Hälse, oder zumindest waren sie kürzer als ich sie mir wünschte. Auf der anderen Seite hatte ich gute Köpfe, Augen, Gesamtharmonie und Bewegungen. Ich glaube, ich habe – und das wurde mir auch von Experten bestätigt, die die Albadeia-Pferde viele Male gesehen haben und sie seit fast 40 Jahren kennen – mehr Wert auf einen trockenen Kopf gelegt, einen längeren Hals erzielt und eine längere und geradere Kruppe. Gleichzeitig habe ich die Gesamtharmonie erhalten und die Bewegungen verbessert. Ich will nicht behaupten, dass ich vollkommen zufrieden bin und ich arbeite immer weiter an einer Verfeinerung des Typs und der Korrektheit.“
Privatgestüte kommen und gehen, nur wenige beeinflussen die Welt des Arabischen Pferdes nachhaltig. Dass ein Gestüt in der dritten Generation in der Familie erhalten bleibt, ist die Ausnahme. Dass es blüht und gedeiht, noch mehr. Pferde in der fünften und sechsten Generation zu züchten und mit der Zucht eines Welt-Champions den Höhepunkt des Erfolges zu erreichen, zeigt den wahren Züchter. „Ich denke, Albadeia weiterzuführen und in dritter Züchtergeneration das Erbe zu bewahren, war ein große Herausforderung“, erklärt Nasr. „Wenn am Ende meiner Tage die Menschen mich dafür in Erinnerung behalten, dass ich ein paar gute Pferde gezüchtet habe und dass ich meinen Teil für das Wohl des rein ägpytischen Arabers beitragen habe, ist dies meine größte Errungenschaft.“
Gudrun Waiditschka


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Hikayet Albadeia Rihan Albadeia

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