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Jun 30 2018

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Funktionelle Anatomie aus der Sicht des Tierarztes

Am Vorabend des „Tags des Vollblutarabers in Bayern“ hielt Dr. Martin Pauli, Tierarzt mit Schwerpunkt Pferde und eigener Vollblutaraber- und QH-Zucht, einen Vortrag zur Anatomie des Vollblutarabers in Hinblick auf die Funktionalität. Dies war eine erfrischend andere Herangehensweise, als wir sie von „Richterseminaren“ gewohnt sind.
Einführend wies er darauf hin, daß seinem Eindruck nach viele Vollblutaraberzüchter sich mehr und mehr (wieder) auf Reitpferdequalitäten besinnen, weil der Absatzmarkt im Mittleren Osten gesättigt ist und man sich auf den heimischen Freizeitreitermarkt besinnen muß. Ein Pferd mit mittlerer Reitpferde-Eignung kann durchaus den Ansprüchen von „schön und funktional“ entsprechen. Nachfolgend sollen einige Punkte exemplarisch erwähnt werden, auf die Dr. Pauli in seinem Vortrag einging und die zu den Schwächen bei einigen Arabern gehören:
Ein weicher Rücken führt häufig zu Problemen durch sich berührende Dornfortsätze. Diese sind im Bereich des Widerristes bis zu 30 cm lang. Senkt sich der Rücken, ändert sich die Stellung dieser Dornfortsätze und sie nähern sich an. Kommt noch ein Reitergewicht dazu, wird dieser Effekt verstärkt. Berühren sich die Dornfortsätze, führt dies zu Schmerzen, die das Pferd unwillkürlich mit dem Reiter in Verbindung bringt. Den Kopf hochreißen und Widersetzlichkeiten sind die Folge. Es entsteht ein Teufelskreis, denn der Kopf oben bedeutet ein „Hohlkreuz“, was den Effekt noch verstärkt. Diesem entgegenzuwirken ist Aufgabe des Reiters, der die Hinterhand aktivieren muß, damit sich der Rücken aufwölbt. Pauli weist ausdrücklich darauf hin, daß allein der Kopf nach unten den Rücken nicht aufwölbt, sondern nur mehr Gewicht auf die Vorhand bringt. Die Aktivierung der Hinterhand ist deshalb wichtig, weshalb es auch das Ziel aller Reitlehren und Reitweisen sei, das Pferd „auf die Hinterhand zu reiten“.
Ein anderer Aspekt ist der beim Araber häufig zu sehende „Hoppelgalopp“, d. h. der Galopp ist nicht durchgesprungen, die beiden Hinterbeine fußen mit nur geringem Abstand zueinander auf. Dies liegt zum einen am anatomisch bedingten höheren Schweifansatz, der mit einer waagerechten Kruppe einhergeht. Dies bedeutet, dass sich das Pferd im Beckengelenk mehr biegen muß, damit es genügend Untertritt erreicht. Auch dieses kann durch den Reiter geformt und unterstützt werden.
„Reitpferde muss man züchten“, darauf wies Martin Pauli immer wieder hin. „Man kann kein Zugpferd züchten und wenn es nicht zieht, auf die Rennbahn schicken wollen.“ Damit übte er Kritik an den sogenannten Schaupferdezüchtern, die ihren „Ausschuss“ (für billiges Geld) als Reitpferd an 15-jähriges Mädels verkaufen. Man solle nicht auf die Märkte in China und dem Mittleren Osten hoffen, sondern schöne Reitpferde züchten, denn „eine gute Zucht spart viel Zeit und Arbeit in der Ausbildung“.
-gw-

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