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Jun 12 2018

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Die Masche mit dem Mitleid

Es vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht von ein paar bedauernswerten Fohlen oder Jährlingen hört, die irgendwo beim Schlachter stehen und bis übermorgen verkauft sein müssen, sonst wandern sie in die Wurst. Und ja, es sind auch eine ganze Reihe Vollblutaraber darunter, aus unterschiedlichster Herkunft, teilweise mit sehr gutem Pedigree, mit und ohne Papiere. Aber wie konnte es zu dieser Entwicklung kommen?

Ursachenforschung

Zum einen gibt es trotz der hierzulande drastisch (!) gesunkener Fohlenzahlen noch immer zu viele Araberfohlen, die einen neuen Besitzer suchen. Das liegt u.a. am Freizeitreitermarkt, den die Araberzüchter „verpasst“ haben, der von den Verbänden ignoriert wurde, und der sich daher auf andere „Spezialpferderassen“ konzentriert hat. Zum anderen liegt es an der zunehmenden Spezialisierung innerhalb der Araberzucht, denn wer ein Schaupferd züchtet, dieses aber dann doch nicht „typvoll“ genug ausfällt, der hat Mühe, es in anderen Bereichen (Distanz, Freitzeit, Sport, Rennen) unterzubringen, da es hierfür meist genauso wenig geeignet ist. Umgekehrt gilt das gleiche, oder versuchen Sie mal ein Rennpferd auf einer Schau zu zeigen. Als dritten Grund muß man die Züchter nennen, die „massenhaft“ züchten, in der Hoffnung bei 100 Fohlen wird schon ein Spitzenprodukt dabei sein, neun den Ansprüchen genügen, und die restlichen 90 Fohlen werden für billiges Geld – oder gar umsonst – „auf den Markt geworfen!“. Und als ob in Europa nicht schon genug Fohlen für Spottpreise angeboten würden, kommen über ein paar Händler auch noch Youngsters aus den Gestüten Arabiens zu uns (oder werden mit deren finanzieller Hilfe gleich hier gezüchtet). Nur, um ein paar Zahlen zu nennen: Mittlerweile werden in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens jedes Jahr die Hälfte aller Vollblutaraberfohlen weltweit geboren. In Saudi-Arabien sind es annähernd so viele Fohlen, wie in den USA (Zahlen aus 2016), nämlich über 3000! Da stellt sich die Frage: Wo bleiben die denn alle?
Seien wir ehrlich: Dass Fohlen zum Schlachter gehen, weil sie den Erwartungen nicht entsprechen, und nach dem Absetzen „nur Platz wegnehmen und Kosten verursachen“, ist nicht neu. Das gab es schon immer, wenn auch nach meinem Gefühl nicht in dem Ausmaß und nicht so grenzüberschreitend wie heute. Neu allerdings ist, die Masche, mit der einige Schlachter bzw. Händler versuchen, diese Jungpferde an den Mann – oder besser an die Frau – zu bringen, denn die meisten Käufer sind (junge) Frauen, bei denen die Mitleidsmasche am meisten Erfolg verspricht. Da werden die bedauernswerten Geschöpfe in den sozialen Medien angeboten, in Gruppen, die eigens zu diesem Zweck vom Schlachter / Händler (oder seinen Helfershelfern) ins Leben gerufen wurden. Wenn man nun bedenkt, dass der Schlachtwert eines Fohlens / Jährlings bei lediglich 150-500 € liegt, die Pferde aber für 1000-1500 € angeboten werden, kann man sich schnell die Gewinnspanne errechnen. Mit der Mitleidsmasche (entweder bis übermorgen verkauft oder geschlachtet) ist zudem die Verweildauer im Betrieb kurz und kostengünstig. Laut NDR-Sendung „Abzocke mit Pferderettung“ sind allein zwischen Oktober 2017 und März 2018 in der Facebook-Gruppe „Wir retten gemeinsam – Vermittlung von Pferden in Not“ Pferde im Wert von über 300.000 Euro angeboten und die meisten auch verkauft worden. Kein schlechtes Geschäft also.
Was die potentiellen Käufer nicht wissen, so manches Pferd wird mit Druse oder anderen Krankheiten gekauft, die im heimatlichen Stall dann ausbrechen und unter Umständen ein vielfaches des Kaufpreises an Tierarztkosten verursachen, was dann wieder die finanziellen Mittel der jungen Käufer überschreitet. Das Unglück nimmt seinen Lauf.

Wer hat Schuld?

Aber wo kann man ansetzen, die Misere zu beenden – oder doch wenigstens zu reduzieren? In erster Linie sind die Züchter in die Pflicht zu nehmen. Sie haben die moralische Verantwortung für die Fohlen, die sie züchten, und müssen sich die Mühe machen, einen geeigneten Platz für sie zu finden. Das ist zwar leichter gesagt als getan, wenn die Ställe voll sind – aber dann kann man eben nicht weiterzüchten. Und wenn es denn wirklich unausweichlich sein sollte, dass man ein Pferd zum Schlachter bringt, dann hat man wiederum die Pflicht, sicherzustellen, dass das Tier auch tatsächlich getötet wird, und nicht weiterverkauft werden kann. Denn nicht selten ist der Händler oder Schlachter nicht die letzte Station eines Pferdes sondern erst der Anfang eines Leidensweges.
Ebenfalls in die Pflicht zu nehmen sind die Zuchtverbände. Denn es sind die seriösen Züchter, die – neben den Schlachtpferden – durch diese Machenschaften leiden. Zuchtverbände leben von den Züchtern und der Zucht – und sollten daher auch den Absatzmarkt fördern, und zwar nicht nur den der „High-End“-Produkte, sondern auch den für die große Masse der „normalen“ Pferde. In der Araberzucht hat man hier, wie schon erwähnt, in der Vergangenheit große Versäumnisse begangen und auch heute sehe ich hier keine wirklichen Initiativen. Es geht darum, die Rasse des arabischen Pferdes im Freizeitreiterbereich „salonfähig“ zu machen. Doch das erreicht man nicht über Schauen oder rasseeigene Zuchtveranstaltungen, sondern nur im Vergleich mit anderen Rassen, sei es auf Distanzritten, auf Messen, auf Turnieren, oder eigens kreierten Veranstaltungen wie der „Tag des Vollblutarabers in Bayern“ oder der „Tag des arabischen Pferdes“ in Marbach, wo das arabische Pferd in seiner ganzen Vielseitigkeit präsentiert wird. Hier kommt das „allgemeine Pferdepublikum“ hin und kann sich von der Schönheit, dem tollen Charakter, der Reitbarkeit eines arabischen Pferdes überzeugen. In dieser Hinsicht muß viel mehr die Werbetrommel gerührt werden, sei es mit Veranstaltungen, Anzeigen, Werbeflyer, etc.

Kein Lösungsansatz

Auch in die Pflicht zu nehmen sind natürlich die Händler/Schlachter, die sich die perverse Masche mit der Mitleidstour ausgedacht haben, und diese praktizieren. Zwar gehen diese nur ihrem „Beruf“ nach, und schreiben sich nicht zuletzt auch noch den Aspekt des Tierschutzes auf die Fahnen (nach dem Motto: „wir sorgen ja nur dafür, dass die armen Tiere nicht geschlachtet werden“), aber die Mitleidsmasche unter Androhung, dass die Tiere übermorgen geschlachtet werden, wenn sie nicht verkauft sind, ist in hohem Maße unseriös.
Und last not least sollte jeder, der sich mit dem Gedanken trägt, ein Pferd zu kaufen, dies nicht überstürzt tun, sondern seine finanziellen Mittel für Anschaffung und Unterhalt genau analysieren. Ja, es ist mitunter schwer mit anzusehen, dass ein junger Araber beim Schlachter steht, und man diesen retten könnte. Doch man kann nicht allen Tieren auf dieser Welt helfen. Auch das Argument „man kann mit diesem einen Kauf zwar nicht die Welt retten, aber doch wenigstens dieses eine Tier“ ist richtig. Aber gleichzeitig hilft man auch einer „Geschäftsidee“, einem System, das zutiefst verabscheuungswürdig ist. Und mit jedem über die Mitleidsmasche verkauften Pferd rücken zwei weitere nach. Mittlerweile kommen die Pferde sogar aus den arabischen Ländern bei den Händlern in Europa an. An Nachschub mangelt es also nicht!
Gudrun Waiditschka

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