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Okt 09 2018

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Zucht in Zahlen

Gedanken zum Pferdemarkt (I)

Das Stimmungsbarometer in der Araberzucht zeigt schon seit längerem nach unten: Weniger Mitglieder, weniger Bedeckungen, weniger Fohlengeburten. Gerne wird darauf verwiesen, dass dieser Trend insgesamt in der Pferdezucht zu beobachten ist. Das stimmt, aber nicht in dem Ausmaß. Der Versuch einer Ursachenforschung.


Die Legende will es, dass Allah eine Handvoll Südwind nahm und daraus das arabische Pferd schuf. Näher an der Realität scheint, dass es die Beduinen waren, die aus dem Pferd, das in den Vorderen Orient einwanderte, das machten, was wir heute gemeinhin als „Vollblutaraber“ kennen: Ein extrem menschenzugewandtes Pferd, funktional, hart und anspruchslos – und als „i-Tüpfelchen“ ist es auch noch schön.

Blick aufs Ganze

Die Älteren unter uns erinnern sich noch an die „guten alten Zeiten“, als der Araber etwas „Besonderes“ war, etwas Rares, Exotisches. Es war in den 1970er Jahren, als die Araberzucht in Europa so langsam in die Gänge kam. Um eine gegenseitige Anerkennung der Pedigrees zu gewährleisten, wurde 1973 die World Arabian Horse Organisation (WAHO) gegründet. In den 80er Jahren etablierten sich in Europa die Schauen als Maßstab aller Dinge und 1985 wurde die European Conference of Arab Horse Organisations (ECAHO) gegründet. Gleichzeitig brach aufgrund einer Steuerreform die Araberzucht in den USA drastisch ein (von rund 30.000 (!) Fohlengeburten 1985 auf 12.000–13.000 in den 1990er Jahren; heute sind es noch rund 3000) und etliche US-Pferde landeten für relativ billiges Geld in Europa.
Mitte der 1990er Jahre erlebte die Araberzucht in Europa ihren zahlenmäßigen Höhepunkt. Die Anzahl der Schauen und die Bedeutung von Schauerfolgen nahm zu und damit bildeten Schauen in der Außenwahrnehmung das einzige „Betätigungsfeld“ für diese Pferde.
Ab der Jahrtausendwende fand dann eine Renaissance des arabischen Pferdes in den Ländern des Mittleren Ostens statt. Man besann sich auf sein kulturelles Erbe, die reichen Scheichs importierten arabische Pferde aus Europa und USA in großem Stil und fanden Gefallen an den „Schönheitswettbewerben“. Der Erfolg der großen Shoppingtouren blieb nicht aus: Heute gehen die meisten Siege am Weltchampionat in die arabischen Länder.
Dass die Entwicklung der Araberzucht nicht in jedem Land gleich verlief, liegt auf der Hand. Dies hat historische, gesellschaftliche und/oder wirtschaftliche Gründe. Und so gibt es eine Gruppe von Ländern, die den Höhepunkt der Fohlengeburten Mitte der 1990er Jahre hatte, andere hatten diesen erst 2010. Zur ersten Gruppe zählen die großen „Arabernationen“ Deutschland und Großbritannien, aber auch die Niederlande, Schweden und die Schweiz; Spanien und Dänemark folgten mit etwas Verzögerung. Einen zweiten Höhepunkt finden wir um das Jahr 2010. Die Länder, die hier in erster Linie beteiligt waren, sind Belgien, Italien, Polen und Frankreich.

Insgesamt aber sind die Zahlen deutlich: Die europäische Araberzucht hat zwischen den Jahren 1995 und 2015 (d. h. innerhalb von 20 Jahren) etwa 25 % an Fohlengeburten eingebüßt. Weltweit jedoch steigt die Zahl der Fohlengeburten seit 2010 geringfügig an. Dieser Anstieg ist in erster Linie den arabischen Ländern zuzurechnen, denn hier gibt es astronomische Wachstumsraten: In Saudi Arabien gab es von 2010–2016 einen Zuwachs um 348 %, und mit 3137 Fohlengeburten im Jahr 2016 waren dies rund 130 Fohlen mehr als in den USA im gleichen Zeitraum geboren wurden!

Blick ins Detail

Wie bereits angedeutet, haben die verschiedenen Länder verschiedene Entwicklungen durchgemacht. So ist der späte Aufschwung Polens mit der Zunahme an Privatzüchtern erklärbar, die erst ab Mitte der 1990er Jahre zahlenmäßig in Erscheinung traten. Bei Italien und Belgien sind es vermutlich die großen „outlets“ der Ställe aus dem Mittleren Osten, die hier für Zuwachs sorgen.
Eine interessante Ausnahme bietet Frankreich, weshalb wir uns dieses Land im Vergleich mit Deutschland etwas genauer anschauen wollen, denn beide Länder haben eine recht konträre Entwicklung genommen. Während Frankreichs Zahl an Fohlengeburten im Jahr 1985 nur rund die Hälfte von Deutschland betrug, war der Ausgleich gegen 1997 geschafft. In dieser Zeit hatte Deutschland seinen Höhenflug schon hinter sich und war auf dem „absteigenden Ast“, während Frankreich noch im Aufwind war. Von nun an ging es für Frankreich bergauf, bis ca. 2010, während in Deutschland alle Zeichen nach unten deuteten. Von 2010 bis heute haben sich die Fohlengeburten in Frankreich auf ca. 1400 Fohlen (+/- 300) eingependelt, während in Deutschland der Abwärtstrend noch nicht gestoppt ist und bei weniger als der Hälfte von Frankreich liegt. Deutschland rutschte von Platz 1 der europäischen Züchternationen auf Platz 3 ab.

Nun lassen sich die beiden Länder in puncto Größe, Wirtschaft etc. durchaus vergleichen. Worin sie sich unterscheiden, ist dies: Frankreich hat eine aktive Renn- und Distanzszene, während Deutschland auf die Schauszene gesetzt hat. Die Rennszene ist in Frankreich traditionell gut entwickelt und im Jahr 2016 (dem letzten Jahr in unserer Statistik) hatten 43 Rennen stattgefunden mit einem Preisgeld von fast 2,5 Mio Euro. Oftmals wechseln (weniger erfolgreiche) Rennpferde ins Distanzlager bzw. bietet der Distanzsport eine zweite Karriere für ein Rennpferd.

Rassen im Vergleich

Weiter wird gerne argumentiert, dass der Rückgang in der deutschen Araberzucht dem allgemeinen Trend in der Pferdezucht Deutschlands folgt. Der Rückgang in der Reitpferdezucht (hierzu zählen Warmblut, Anglo-Araber, Englisches Vollblut und Arabisches Vollblut) liegt aber lt. FN-Statistik für den Zeitraum 2010–2016 bei ca. -24,5 % – und damit in etwa im Trend mit der europäischen Araberzucht. Der Rückgang der züchterischen Aktivitäten von -31,6 % (bzw. -45,8 %, wenn man den Zeitraum bis 2017 betrachtet) beim Araber in Deutschland muß daher andere Ursachen haben, die wohl eher „hausgemacht“ sind.

Das Schneeballsystem

Unsere heutigen Shows – auch wenn man es ihnen kaum mehr anmerkt – haben ihren Ursprung in den Zuchtschauen, also in der Beurteilung von Zuchtpferden und im züchterischen Vergleich. Daher ist es auch nur logisch und historisch betrachtet verständlich, dass die Zuchtverbände diese Schauen von Anfang an unterstützten, sie häufig selbst ausrichten und sich in diesem Bereich besonders engagieren.
Nun ist aber auch eine Zucht marktwirtschaftlichen Gesetzen unterworfen. D. h. es gibt einen Produzenten und einen Verbraucher. Der Produzent ist der Züchter, und der Verbraucher …?
Hier genau liegt das Problem! Was nämlich viele Araberzüchter und Verbände übersehen haben: Jede Zucht braucht einen Markt, der die Pferde abnimmt und aus dem „Vermehrungszyklus“ herausholt. Bei allen Warmblutrassen ist das Zuchtziel ein Sportpferd, das an einen Reiter (Verbraucher) verkauft wird, der damit in aller Regel nicht züchtet, sondern sein Können im Sport beweist. Nur die besten Pferde gehen gelegentlich (auch) in die Zucht. Beim Araber ist das Zuchtziel häufig ein Zuchtpferd, es züchten also Züchter „Zuchtpferde“ für andere Züchter. Das gilt insbesondere für Schaupferdezüchter, denn einen Markt für das „reine Schaupferd“ – das nicht in die Zucht geht – gibt es nicht. Aber nicht nur, dass man sich damit ja die Konkurrenz selbst „züchtet“, nein, man baut auf diese Art und Weise ein Schneeballsystem auf, das irgendwann kollabieren muß, weil diese Pferde eben nicht aus dem Vermehrungszyklus herausgeholt werden – oder, um es marktwirtschaftlich auszudrücken, nicht „verbraucht“ werden. Für viele Züchter gilt es ja geradezu als ein Makel, wenn ein Pferd an einen (Freizeit-)Reiter, und nicht als Zuchtpferd verkauft wird.
Diesen Kollaps des Schneeballsystems erleben wir derzeit: Durch Überproduktion kam es zum Preisverfall, Züchter geben auf, weil sie ihre Fohlen nicht einmal mehr kostendeckend verkaufen können. Rückläufige Geburtenzahlen und rückläufige Mitgliederzahlen stellen nun die Araberzuchtverbände vor gravierende Probleme, insbesondere in den Ländern, die in erster Linie auf dieses Schneeballsystem „Züchter züchten für Züchter“ gesetzt hatten.
Und hier sind wir wieder bei Frankreich, denn dort lief die Entwicklung ganz anders. In Frankreich gibt es die „Verbraucher“, die Distanzreiter oder auch Rennpferdebesitzer, die das Pferd aus dem Vermehrungszyklus herausnehmen. Zum Vergleich: Die Distanzszene ist in Frankreich etwa 10x so groß wie in Deutschland, d. h. es sind bei der FEI derzeit 1478 international aktive Distanzpferde aus Frankreich registriert, aber nur 121 aus Deutschland (alle Rassen); selbstredend ist die Zahl der nur national startenden Pferde entsprechend höher. Da es Distanzritte von 25 (Einführungsritt) bis 160 km (Championate) gibt, ist auch für jedes Pferd etwas dabei, solange es zumindest die Mindestanforderungen an ein Reitpferd erfüllt. Und natürlich erfüllen alle anderen reiterlichen Disziplinen bis hin zum Freizeitreiten denselben Zweck: Wenigstens 90 % der fertigen „Produkte“ (Fohlen) müssen an einen „Verbraucher“ (Reiter) verkauft werden, der sie dem „Produktionszyklus“ (Zucht) entzieht.

Ausblick

Womit wir beim potentiellen Markt sind – und da wurde früh verpasst die Weichen zu stellen. Statt den Araber als Reitpferd zu „promoten“, wurde er als Schaupferd dargestellt. Das war ausgesprochen kurzsichtig, denn es gibt wesentlich mehr Reiter als Züchter. Es war sogar insofern kontraproduktiv, weil die Schauen heutzutage eine Selektion auf „Nicht-Reitpferdepoints“ darstellen, so dass sie dem Zuchtziel Reitpferd entgegenwirken statt es zu fördern. Daher ist es nun schwierig, den Araber insgesamt unter das Reitervolk – das heißt Freizeitreiter mit gehobenen Ansprüchen bis hin zum wenig ambitionierten Turnierreiter – zu bringen. Mittlerweile ist die Nische der „Exoten“ im Freizeitreiterbereich durch andere Spezialrassen besetzt, die hier cleverer vorgegangen sind. Wie kann man da also noch Fuß fassen?
Eine interessante Entwicklung ist derzeit im Bereich der Freizeitreiter zu beobachten, denn hier scheint ein Paradigmenwechsel stattzufinden, vom FreitzeitpferdeREITER hin zum FreizeitpferdeHALTER. Das Reiten steht für viele gar nicht mehr im Vordergrund, diese Menschen schätzen vielmehr einfach den Umgang mit dem Pferd. Hier könnte der Araber als Freizeitpartner punkten! Dazu müssen aber die Eigenschaften hervorgehoben werden, die den Freizeitpferdehalter ansprechen: Er sucht ein extrem menschenzugewandtes, funktionales, hartes (d. h. gesundes) und anspruchsloses Pferd – das als „i-Tüpfelchen“ auch noch schön ist. Und damit wären wir wieder am Anfang unserer Geschichte, denn eigentlich haben uns die Beduinen genau dieses Pferd hinterlassen. G. Waiditschka

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