{"id":10327,"date":"2018-01-05T19:14:57","date_gmt":"2018-01-05T18:14:57","guid":{"rendered":"http:\/\/in-the-focus.com\/?p=10327"},"modified":"2018-01-05T19:33:12","modified_gmt":"2018-01-05T18:33:12","slug":"jacob-noa-epp-der-muselmann-aus-schwaben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/in-the-focus.com\/en\/2018\/01\/jacob-noa-epp-der-muselmann-aus-schwaben\/","title":{"rendered":"Jacob Noa Epp &#8211; Der Muselmann aus Schwaben"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-size:120%; color:#d4a409\"><strong>Bei der diesj\u00e4hrigen Hengstparade in Marbach wurde die (wahre) Geschichte des Jacob Noa Epp nacherz\u00e4hlt, der mit seiner Familie in den Kaukasus auswanderte, dort \u00fcberfallen, verschleppt und als Sklave verkauft wurde, beim Vizek\u00f6nig in \u00c4gypten diente, schlie\u00dflich von K\u00f6nig Wilhelm I. freigekauft wurde und aus Dankbarkeit in seine Dienste trat. Ein St\u00fcck w\u00fcrttembergische Geschichte.<\/strong><\/h3>\n<p>Die Nachwehen der Napoleonischen Kriege, die allgemeine Verarmung des Volkes und die Hungerjahre 1816\/17, erregten im w\u00fcrttembergischen Landvolk eine wahre Auswanderungsseuche. In der Tat wanderten viele Schwaben aus nach Amerika, an den Wolgastrand, in die Krim und ins Kaukasusgebiet. Kaiser Alexander I. von Ru\u00dfland lockte die Leute durch allerlei goldene Versprechungen in sein Reich; ausgiebige Landzuteilung mit v\u00f6lliger Steuerfreiheit wurde ihnen zugesagt, \u00fcberdies Freiheit vom Milit\u00e4rdienst und Selbstverwaltung ihrer Gemeinden. So war\u2019s kein Wunder, da\u00df viele der notleidenden Deutschen auf den vorgehaltenen russischen K\u00f6der anbissen. Zu ihnen geh\u00f6rte auch Rudolf Epp, Weing\u00e4rtner zu Reutlingen mit seiner Familie, darunter auch der 9j\u00e4hrige Jakob Noa.<\/p>\n<h3 style=\"font-size:120%; color:#d4a409\"><strong>Mit Sack und Pack in den Kaukasus<\/strong><\/h3>\n<p>Die Familie Epp zog nicht allein in die Ferne. Mehrere Familien schlossen sich zusammen, um in der Fremde sich gegenseitig Halt und Hilfe zu sein. An einem M\u00e4rzmorgen 1817 begann die Reise. Von Unterhausen die Steige nach Holzelfingen hinauf, wo die Achalm zum letztenmal her\u00fcbergr\u00fc\u00dfte, \u00fcber die M\u00fcnsinger Alb nach Ulm. Dort bestieg die ganze Gesellschaft eine Ulmer Schachtel und schwamm die Donau hinab. An Ingolstadt, Regensburg und Passau ging\u2019s vorbei, an Linz, Wien und Budapest. Hinter Belgrad passierten sie die t\u00fcrkische Grenze. Noch allerlei Abenteuer warteten auf die Reutlinger, bis sie endlich in Russland angekommen waren. Nun wandten sie die Deichsel nach S\u00fcdost, \u00fcberquerten die P\u00e4sse des Kaukasus und trafen wiederum nach viermonatlichem Hin und Her in ihrem Bestimmungsorte Katharinenfeld ein. Die neuen Ansiedler waren in Katharinenfeld hoch willkommen. Etwa hundert deutsche B\u00fcrger evangelischer Konfession hatten sich dort se\u00dfhaft gemacht, also rund 400 bis 300 Seelen. Mit den frischen Ansiedlern wuchs auch die Sicherheit des Dorfes gegen herumstreichende Zigeuner und anderes Gesindel.<br \/>\nZehn Stunden n\u00f6rdlich von Katharinenfeld lag Tiflis, die Hauptstadt des Gouvernements Kaukasien, damals eine Stadt von etwa 4000 H\u00e4usern und 23 000 Einwohnern. Europa und Asien reichte sich dort die Hand. Daher auch ein Mischmasch von Bev\u00f6lkerung: Armenier, Georgier, Russen, Tataren, Perser, Griechen, Polen. Dieses Tiflis war eine wohlhabende, m\u00e4chtig aufstrebende Handelsstadt, ein lohnendes Absatzgebiet f\u00fcr Katharinenfeld.<br \/>\nDie Jahre flogen, man schrieb 1826. Noa z\u00e4hlte nun achtzehn Jahre. Um jene Zeit schwirrten beunruhigende Ger\u00fcchte durch die Siedlung, wie ein Alpdruck lag auf den Kolonisten die Furcht vor feindlichem \u00dcberfall.<br \/>\nErst im Jahr 1799 hatten die Russen Tiflis besetzt, seit 1801 war Kaukasien als Provinz dem Zarenreiche einverleibt und die Gebirgsst\u00e4mme russische Untertanen; dem Namen nach. In Wirklichkeit aber hausten die Bergv\u00f6lker als freie R\u00e4ubernomaden in den T\u00e4lern und Schluchten des wilden Kaukasus und \u00fcberfielen die umliegenden D\u00f6rfer. Neben der Beute an totem Inventar wurden auch die Bewohner fortgeschleppt; kr\u00e4ftige M\u00e4nner wurden als Arbeitssklaven verkauft, die Frauen und M\u00e4dchen in t\u00fcrkische Harems. Zu den gef\u00fcrchtetsten Raubst\u00e4mmen geh\u00f6rten die tatarischen Lesgier; ihre Schlupfwinkel in den Schluchten des Kaukasus lagen wenige Tagesreisen abseits von Katharinenfeld. Bisher waren sie unsch\u00e4dlich gewesen. Eine starke russische Schutzwache aus Donkosacken hielt sie im Schach. Als aber im Jahre 1826 zwischen Persien und Russland kriegerische Verwicklungen entstanden, schickte Russland seine Kosaken an die Front. Von da an tauchte nur noch vereinzelt ein Kosake bei den D\u00f6rfern auf. Die scharf\u00e4ugigen Lesgier merkten das und wu\u00dften, nun kommt unsere Zeit wieder, unser altes Handwerk kann wieder aufleben, die z\u00fcnftige R\u00e4uberei.<br \/>\nAls eines Tages die Sonne rot am Abendhimmel stand, jagte der vor dem Dorf als Wache aufgestellte Reiter durchs Dorf mit dem Schreckensruf: \u201eDie Lesgier kommen, sie sind mir auf den Fersen! Flieht!\u201d<br \/>\n<a href=\"http:\/\/in-the-focus.com\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/4-17-Jacob-Noa-Epp-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/in-the-focus.com\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/4-17-Jacob-Noa-Epp-1-600px.jpg\" alt=\"4-17 Heft Ausgabe Dez.indd\" width=\"600\" height=\"842\" class=\"aligncenter size-full wp-image-10331\" srcset=\"https:\/\/in-the-focus.com\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/4-17-Jacob-Noa-Epp-1-600px.jpg 600w, https:\/\/in-the-focus.com\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/4-17-Jacob-Noa-Epp-1-600px-214x300.jpg 214w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><br \/>\nUnd schon knallten Flintensch\u00fcsse am Dorfeingang. Die aufgeschreckten Bewohner rissen einen Augenblick die Fensterfl\u00fcgel auf; sie versuchten durch Hintert\u00fcren und G\u00e4rten zum Oberdorfe sich zu retten. Wer sich bis auf die Stra\u00dfe wagte, wurde niedergesto\u00dfen oder gefangen. Unser Noa rannte zum Oberdorf und fand seine Eltern und Geschwister im Haufen der Fl\u00fcchtlinge. Die Lesgier dr\u00e4ngten nach, sie schossen und stachen in das wehrlose Gewimmel. Was ihnen wertvoll schien und transportabel war, schleppten sie mit, das \u00fcbrige wurde vernichtet. Im Wirrwarr war es Noa gelungen, sich wegzustehlen; er wu\u00dfte in der N\u00e4he ein dichtes Geb\u00fcsch, dorthin rannte er um sein Leben und versteckte sich. Aber das Falkenauge eines Lesgiers hatte ihn ersp\u00e4ht. An den Haaren zog er den Ungl\u00fccklichen ins Freie. Dort zwang er ihn, vor den Sattel zu sitzen; knotete ihm die H\u00e4nde auf den R\u00fccken zusammen und verschn\u00fcrte die F\u00fc\u00dfe unter dem Bauch des Pferdes.<br \/>\nDer Lesgier ritt mit Noa weiter. Am Ufer wartete ein T\u00fcrke namens Mellega, der mit den Lesgiern unter einer Decke steckte. Ihm wurde Epp nebst sieben weiteren Gefangenen verkauft. Eine Woche war Noa im Dienste des Sklavenh\u00e4ndlers. Er stand gerade unter der Haust\u00fcre seines Herrn, als ein Bedienter des Pascha von Akiska vor Mellega trat: \u201eHerr,\u201c sprach er, \u201edein Sklave Hassan gef\u00e4llt dem Pascha; er ist gesund und sch\u00f6n und stark. Der Pascha wird ihn dir abkaufen; er mu\u00df sofort mitkommen. Was willst du daf\u00fcr?\u201d &#8211; \u201eMein Herr m\u00f6ge ihn geschenkt nehmen, so er Freude an ihm hat. Unter Br\u00fcdern w\u00fcrde er 6000 Piaster gelten.\u201d<br \/>\nNicht lange verblieb Noa im Hause des Akiska-Pascha. Es war Sitte, da\u00df sich zu jener Zeit die Gro\u00dfen und Gewaltigen mit Sklaven vergn\u00fcgten. So kam Noa als Pr\u00e4sent an den Pascha von Erzurum und von diesem nach einem Jahr an den Medschid Effendi, den Schatzmeister des Sultans in Konstantinopel.<br \/>\nDieser Effendi war ein wirklich menschenfreundlicher Gebieter. Noa wurde nicht mi\u00dfhandelt. Speise und Trank waren vollauf gen\u00fcgend f\u00fcr ihn. Die Besch\u00e4ftigung Epps, er hie\u00df jetzt Rustan, bestand einzig und allein darin, da\u00df er seinem Herrn zur bestimmten Zeit mit einer Tasse Mokka aufwartete und da\u00df er jederzeit imstande war, eine sorgf\u00e4ltig geputzte, richtig mit feinstem Tabak gestopfte Pfeife seinem Effendi mit gl\u00fchender Kohle in Brand zu setzen. Somit war er quasi, zum &#8220;konstantinopolitanischen Rauchtabakspfeifenverwalter\u201d avanciert.<br \/>\nNoa h\u00e4tte also, rein \u00e4u\u00dferlich betrachtet, ein beschauliches Leben gehabt. Aber wie oft lag er schlaflos, wie oft wurden ihm die Augen feucht, wenn er an das Schicksal von Eltern und Geschwistern dachte. Das lag \u00fcber ihm wie eine dunkle Wolke.<br \/>\nNun geschah es. da\u00df der Medschid Pascha dem Vizek\u00f6nig von \u00c4gypten, Mehmed Ali, eine Freude machen wollte. Was konnte diesem kriegslustigen Gewalthaber lieber sein als St\u00e4rkung seiner Milit\u00e4rmacht. So w\u00e4hlte denn Medschid Pascha von seiner Palastkompagnie die sch\u00f6nsten und t\u00fcchtigsten Sklaven aus, 25 Mann, darunter auch Noa, und schickte sie nach Kairo. <\/p>\n<h3 style=\"font-size:120%; color:#d4a409\"><strong>In den Diensten Mehmed Alis<\/strong><\/h3>\n<p>Mehmed Ali war eben im Begriff, seine Armee nach europ\u00e4ischem Muster zu bemannen und auszubilden. Dazu bedurfte er vor allem eines t\u00fcchtigen Offizierskorps. Um dieses zu gewinnen, wurden die intelligentesten Rekruten in die Kasernenschule geschickt, die Auslese davon r\u00fcckte dann in die KadettenschuIe vor, auch unser Noa, der jetzt Elparis hie\u00df. Er hatte in der Kasernenschule t\u00fcrkisch lesen und schreiben gelernt, sprach daneben russisch, persisch und arabisch, war ein flotter Reiter, hatte in Konstantinopel gute Manieren sich angeeignet, war flei\u00dfig und willig, kurz, er besa\u00df alle Eigenschaften eines k\u00fcnftigen Offiziers.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/in-the-focus.com\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/4-17-Jacob-Noa-Epp-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/in-the-focus.com\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/4-17-Jacob-Noa-Epp-2-600px.jpg\" alt=\"4-17 Heft Ausgabe Dez.indd\" width=\"600\" height=\"842\" class=\"aligncenter size-full wp-image-10333\" srcset=\"https:\/\/in-the-focus.com\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/4-17-Jacob-Noa-Epp-2-600px.jpg 600w, https:\/\/in-the-focus.com\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/4-17-Jacob-Noa-Epp-2-600px-214x300.jpg 214w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><br \/>\nGegenwart und Zukunft h\u00e4tten f\u00fcr einen T\u00fcrken ziemlich sonnenhell ausgesehen. Doch schon auf der Reise von Konstantinopel nach Kairo war unter den Kameraden Noas der Verdacht aufgetaucht, Elparis sei kein Muslim. Er sprach nicht die vorgeschriebenen Gebete, er hatte nie den Wunsch einer Wallfahrt nach Mekka, besuchte in Kairo auch keine Moschee. Der Verdacht verdichtete sich zur Gewissheit. Das wurde den fanatischen Vorsehern der Soldatenschule hinterbracht. Bei einem Verh\u00f6r wurde er eingehend nach Heimat, Herkunft und Schicksal befragt, auch nach seiner Religion. Eine Ausflucht war unm\u00f6glich. Wollte Noa auch nicht. Eine Leibesvisitation h\u00e4tte sofort bewiesen, da\u00df ihm das den Juden und Mohammedanern gemeinsame Bundeszeichen, die Beschneidung, fehle. So bekannte er offen und freim\u00fctig, da\u00df er Deutscher sei und Christ.<br \/>\nDie Muftis erkl\u00e4rten ihm, welche Vorteile der \u00dcbertritt zum Islam ihm br\u00e4chte: Die h\u00f6chsten Ehrenstellen als Offizier, im Paradies die s\u00fc\u00dfesten Wonnen in h\u00f6chster Potenz. Noa setzte ihrer Werbung ein festes \u201eNein\u201d entgegen. Nun \u00e4nderten sie die Tonart ihres Bekehrungseifers. Sie drohten mit einer Sohlen-Bastonade von 500 Streichen. Noa wu\u00dfte, was ihm bevorstand, entsetzliche Qualen, vielleicht Siechtum. Trotzdem beharrte er auf seiner Weigerung. Ohne lang Federlesens zu machen, wurde an Epp die Missionsprozedur vollzogen, unbarmherzig.<br \/>\nNoch war keine Stunde vergangen, noch hatten sich die rasenden Schmerzen um kein H\u00e4rchen gemindert, da setzte schon der zweite Teil der Bekehrungsprozedur ein. Er wurde auf eine Art Pritsche geworfen, handfeste Kerle hielten ihm Arme und Beine, und nun wurde an ihm die Beschneidung vollzogen. Auf die Frage, ob er immer noch dem Christentum anh\u00e4nge, trotz Bastonade und Beschneidung, gab er die unter solchen Umst\u00e4nden sehr gewagte Antwort: \u201eJawohl, ich bleibe Christ!\u201d<br \/>\nDie Mi\u00dfhandlung und all die grausigen Erlebnisse der letzten Jahre warfen unseren Noa darnieder, er brach k\u00f6rperlich und seelisch zusammen und wurde in das Milit\u00e4rspital gebracht. Der Spitalarzt, ein Armenier, hatte Mitleid mit dem neu eingelieferten Patienten. Um jene Zeit hielt sich in Kairo auch der schw\u00e4bische Missionar Kugler auf, geboren in Schopfloch. Er war auf der Durchreise in sein Arbeitsgebiet Abessinien. Diesen machte der Armenier auf seinen in so betr\u00fcbter Lage befindlichen Landsmann aufmerksam. Kugler besuchte Epp, befragte ihn um sein Vaterland und um seine W\u00fcnsche. Nicht lange nach Kuglers Besuch kam ein preu\u00dfischer Apotheker ins Spital. Der Preu\u00dfe redete den erstaunten Noa in der Muttersprache an. Das erweckte sein Vertrauen. Ganz offen erz\u00e4hlte er sein trauriges Schicksal und sprach von dem hei\u00dfen Wunsch, frei zu werden und ins Vaterland heimkehren zu d\u00fcrfen. Es wurde ein Konsul namens Daniel Dumreicher eingeschaltet, dieser gab die ernsthafte und erfreuliche Zusicherung, da\u00df er alle Hebel in Bewegung setzen werde, um Noa zu befreien. Welche Schritte dieser wackere Konsul unternahm, erfuhr vorerst niemand, alles geschah in der Stille, und als fast ein Jahr verstrichen war, und Elparis in der Soldatenschule l\u00e4ngst wieder studierte und exerzierte, hatte er die Hoffnung auf Freiheit aufgegeben.<br \/>\nDa, eines Vormittags, wurde Elparis auf das Dienstzimmer Ibrahim Paschas befohlen, der \u00fcber die Soldatenschule Inspektor war. Was konnte Ibrahim Pascha von ihm wollen? Dieser Adoptivsohn Mehmed Alis war als tapferer Soldat und sieggewohnter Feldherr gefeiert, aber als grausamer W\u00fcterich gef\u00fcrchtet. Beim Eintritt ins Dienstzimmer wurde Noa von Ibrahim scharfen Blickes gemustert; der Pascha nickte, er schien befriedigt.<br \/>\n\u201eDu f\u00e4hrst \u00fcbermorgen mit dem Ordonanzschiff nach Alexandrien. Dort meldest du dich bei Mehmed Ali in voller Kriegsausr\u00fcstung. Mein Vater hat scharfe Augen. Hab acht, da\u00df du ihm nicht zu Tadel Anla\u00df gibst. Das weitere wirst du von ihm h\u00f6ren. Bis \u00fcbermorgen hast du Urlaub.\u201d<br \/>\nNoa wu\u00dfte nicht, wie ihm geschah, aber er ahnte da\u00df ihm die Freiheit winkte. Wie er ging und stand, rannte er zu seinem G\u00f6nner, dem Apotheker. Hier erfuhr er den Zusammenhang: auch, da\u00df seine Befreiung so gut wie sicher sei, alle Vorbereitungen zur Reise seien bis ins einzelne getroffen. Unter Dankestr\u00e4nen verabschiedete sich Noa von dem barmherzigen Samariter, dann eilte er zum armenischen Arzt und zum d\u00e4nischen Konsul. Er kann vor R\u00fchrung nicht viel Worte machen. Das Gl\u00fcck, das dem Vielgepr\u00fcften aus den Augen leuchtete, war ihnen Dankes genug. Jeder dr\u00fcckte dem Sch\u00fctzling beim Abschied etwas Hartes in die Hand, einen Goldpiaster. In der Kaserne fand er Urlaubspa\u00df und den Reiseschein zur Fahrt auf dem Ordonanzschiff.<br \/>\nVor Sonnenaufgang stand er an der Schiffsl\u00e4nde. Die Rudermannschaft sa\u00df schon auf den B\u00e4nken. Der Kapit\u00e4n pr\u00fcfte Noas Papiere, lie\u00df ihn eintreten und wies ihm unter einem Sonnensegel den Platz an. Wenn ein Kadett in Paradeuniform sich dem Vizek\u00f6nig vorstellen mu\u00dfte, so war das schon etwas Besonderes. Dann wurde Noa auf der Fahrt mit gr\u00f6\u00dfter Zuvorkommenheit behandelt.<br \/>\nMittags vier Uhr legte das Boot an der stattlichen Schiffsl\u00e4nde an. Am n\u00e4chsten Tag auf zehn Uhr war er zur Audienz befohlen. Sie dauerte kurz. Mehmed Ali war zeitgeizig. Wenige Fragen stellte er, auch die nach der Religion. Da sprach Mehmed Ali das erl\u00f6sende Wort: \u201eDu bist von Stund an frei. Reise ungehindert in die Heimat! Und vergi\u00df nicht, deinem K\u00f6nig Wilhelm zu danken, wenn du heimkehrst ins Land deiner V\u00e4ter. Allah sei mit dir!\u201d<br \/>\nNoa wu\u00dfte sich nicht anders zu helfen, er ging in die n\u00e4chste Moschee, um Gott f\u00fcr seine Hilfe zu danken: er wird Noas Dankopfer auch dort gn\u00e4dig angesehen haben.<br \/>\nDes andern Tags schon fuhr ein Segler ab nach Triest. An Candia, Malta, Sizilien vorbei, durch die Adria, nicht weniger als 52 Tage dauert einschlie\u00dflich der Aufenthalte die Fahrt. Im Hafen von Triest gab\u2019s eine Quarant\u00e4ne von 37 Tagen. Dann ging\u2019s weiter. Von Triest schiffte er nach Venedig, trat zu Lande die Weiterreise \u00fcber Verona, Innsbruck, Kempten und Ulm nach Stuttgart an. Wo er Hilfe oder Vorschub bedurfte, geschah es \u00fcberall, und wenn er Geld brauchte, erhielt er es auf Rechnung seines K\u00f6nigs.<\/p>\n<h3 style=\"font-size:120%; color:#d4a409\"><strong>Die R\u00fcckkehr ins Heimatland<\/strong><\/h3>\n<p>Von Ulm an ben\u00fctzte Noa die Post. Er h\u00f6rte wieder schw\u00e4bische Laute, zum Mittagessen gab\u2019s Sauerkraut mit Rauchfleisch und Sp\u00e4tzle, er l\u00f6schte den Durst mit Apfelmost. Am Abend des 16. Dezember 1830, es war ein Donnerstag, rasselte die Postkutsche von Thurn und Taxis \u00fcber den alten Postplatz in Stuttgart. Die Kunde vom Eintreffen des Muselmannes aus Schwaben war wie ein Lauffeuer durch die Stadt geflogen.<br \/>\nAm Freitag morgen machte er nach dem Fr\u00fchst\u00fcck einen Gang durch die Hauptstra\u00dfen. Viel Volks begleitete ihn, voraus, zur Seite, hinterdrein. Der Muselmamn aus Schwaben war \u00fcber Nacht ber\u00fchmt geworden. Um zehn Uhr meldete er sich auf der Schlo\u00dfwache. Eine Ordonnanz wurde zum diensttuenden Kammerherrn ins Schlo\u00df geschickt, dieser rapportierte dem K\u00f6nig und Epp wurde sofort empfangen. Nach orientalischer Sitte wollte er sich dem K\u00f6nig zu F\u00fc\u00dfen werfen. Das duldete aber der leutselige Monarch nicht.<br \/>\nSo kreuzte Noa die Arme \u00fcber der Brust und machte mit der W\u00fcrde und dem Anstand des Orientalen dreimal eine tiefe Verbeugung. Nun wollte er sprechen: er konnte aber nicht, die Tr\u00e4nen liefen ihm \u00fcber die Wangen. Da nahm der gute K\u00f6nig seine Hand und f\u00fchrte ihn zu einem Sessel. \u201eSo, mein Sohn, setz Dich! Du m\u00f6chtest mir danken, aber du kannst nicht, ein andermal. Ja, es ist wahr, ich hab\u2019 Dich frei gemacht. Es war meine Pflicht, f\u00fcr ein Landeskind zu sorgen, und ich freue mich, da\u00df mir deine Befreiung gelungen ist. Der d\u00e4nische Konsul hat mir von dir berichtet. Mehmed Ali und sein Sohn kennen mich als Liebhaber und Z\u00fcchter edler arabischer Pferde. Ich stand mit Mehmed Ali und Ibrahim Pascha wegen Ankaufs arabischer Pferde aus Kairo schon im Briefwechsel. So fand ich in deiner Sache willige Ohren. Was hast du nun im Sinn, mein Sohn? Ich m\u00f6chte in Zukunft f\u00fcr dich sorgen. Dreierlei Wege stehen dir offen. Als gelernter Landwirt kannst du auf einer Dom\u00e4ne unterkommen, du kannst mir als Hoflakai dienen, am liebsten aber w\u00e4re mir\u2019s, wenn ich dich im Marstall bei meinen Pferden verwenden k\u00f6nnte.\u201d<br \/>\n\u201eHerr,\u201d unterbrach der eifrige Noa den K\u00f6nig, \u201edas m\u00f6chte ich von Herzen gern. Wir haben in Ru\u00dfland selber Pferde gezogen, ich wei\u00df mit Pferden umzugehen, ich kann reiten wie ein Tatar. Ja, la\u00df mich bei dir und deinen Pferden bleiben, so kann ich dir vergelten, was du Gutes an mir getan.\u201c Der K\u00f6nig \u00fcberh\u00f6rte das orientalische \u201eDu\u201d; l\u00e4chelnd klopfte er dem Noa auf die Schulter; \u201erecht so, Noa; und hiermit bestelle ich dich als Bereiter in meinem Leibstall.&#8221;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/in-the-focus.com\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/4-17-Jacob-Noa-Epp-3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/in-the-focus.com\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/4-17-Jacob-Noa-Epp-3-600px.jpg\" alt=\"4-17 Heft Ausgabe Dez.indd\" width=\"600\" height=\"842\" class=\"aligncenter size-full wp-image-10335\" srcset=\"https:\/\/in-the-focus.com\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/4-17-Jacob-Noa-Epp-3-600px.jpg 600w, https:\/\/in-the-focus.com\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/4-17-Jacob-Noa-Epp-3-600px-214x300.jpg 214w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><br \/>\nNoa bekam im Leibstall zwei arabische Schimmel zu versorgen, Omar und Ali. Im k\u00f6niglichen Reithaus durfte er die Tiere t\u00e4glich bewegen. K\u00f6nig Wilhelm schritt oft durch seinen Marstall. Traf er dabei den Noa, so lie\u00df er sich immer mit ihm ins Gespr\u00e4ch ein und freute sich der verst\u00e4ndigen, offenen und bescheidenen Art seines Bereiters. Ernst befahl ihm Wilhelm: \u201eEpp, heute mittag reit\u2019 ich nach Scharnhausen, du begleitest mich. Um halb zwei bist du am Hauptportal des Schlosses: ich reite den Hengst \u201aAldebaran\u2018, du die Stute \u201aTemma\u2018! Von da an durfte Epp \u00f6fters seinen Herrn begleiten.<br \/>\nIm Jahre 1836 durfte Noa einen besonderen Beweis des Vertrauens seines K\u00f6nigs erfahren. Wilhelm hatte im Libanon sechs arabische Pferde gekauft, f\u00fcnf Hengste und eine Stute. Epp durfte den Tierarzt Dambly begleiten, um die edlen Tiere abzuholen. Im Fu\u00dfmarsch ging\u2019s den Libanon herab, in Beirut wurde Mann und Ro\u00df eingeschifft und wiederum ging\u2019s in kleinen Tagesm\u00e4rschen, die Araber am Z\u00fcgel f\u00fchrend, Stuttgart zu. Elf Monate dauerte die Reise. 1840 holte Epp mit Graf Taubenheim ein Paar edle, arabische Zuchtpferde, die dieser im Libanongebirge und Damaskus gekauft hatte.<br \/>\nUnd hoch schlug unserem Noa das Herz, als im Jahre 1852 Baron von H\u00fcgel den Auftrag erhielt, in Kairo Pferde zu kaufen. K\u00f6nig Wilhelm lie\u00df Noa rufen. \u201eEpp,\u201d sprach er g\u00fctig. \u201eDu hast dich im Marstall und bei den Pferdek\u00e4ufen im Orient bew\u00e4hrt. Nun will ich dir eine besondere Freude machen. In acht Tagen reist Baron von H\u00fcgel mit dem Gest\u00fctsarzt von Scharnhausen und mit einigen Stallknechten nach Kairo. Du darfst mit, r\u00fcste dich. Besuche deine alten Freunde und erz\u00e4hle mir von ihnen!\u201d<br \/>\nDiese Transportreisen waren f\u00fcr Epp herrliche Tage. Die Reise nach Kairo aber war sein Entz\u00fccken. Mit Stadt und Leuten vertraut, der Sprache m\u00e4chtig, konnte er seinen Gef\u00e4hrten der denkbar beste Reisef\u00fchrer sein. Aber das Dreigestirn seiner Freunde, der armenische Arzt, der preu\u00dfische Apotheker und der d\u00e4nische Konsul, waren nicht mehr vorhanden..<br \/>\nSp\u00e4ter wartete auf Epp ein anderer Dienstzweig. Er wurde den Hofkutschern zugeteilt. Kein Kutscher hat es so verstanden &#8220;wie der T\u00fcrke&#8221;, erz\u00e4hlte man sich sp\u00e4ter noch. Mit sicherer Eleganz lenkte er auch ein Vier- und Sechsgespann. Und wenn der Noa hoch auf dem Bock thronte, sechs Araber vor sich, in der Kutsche Kaiser und K\u00f6nige hinter sich, wahrhaftig, er h\u00e4tte mit Kaiser Alexander und Napoleon selber nicht getauscht. Als Oberhof-Kutscher wurde er nach 39-j\u00e4hriger Dienstzeit anno 1869 unter K\u00f6nig Karl pensioniert und lebte dann l\u00e4ngere Jahre mit seinem Schwiegersohn zusammen, der die Tochter Noas aus zweiter Ehe zur Frau hatte. Auch in hohem Alter noch trug er gern den roten Fez auf dem grauen Haupt und einen T\u00fcrkenschlafrock um die Lenden. Er starb am 8. November 1884 und ruht auf dem Fangelsbachfriedhof in Stuttgart.<\/p>\n<p>Gek\u00fcrzte Version. Im Original erz\u00e4hlt von Julius Bazlen, erschienen im Reutlinger Generalanzeiger vom 18. April 1934ff.<br \/>\nIn ganzer L\u00e4nge auch in dem Buch <a href=\"http:\/\/in-the-focus.com\/de\/2017\/10\/jetzt-schon-an-weihnachten-denkenbuch-koenigliche-pferde\/\" target=\"_blank\">&#8220;K\u00f6nigliche Pferde &#8211; die arabische Pferdezucht der w\u00fcrttembergischen K\u00f6nige&#8221;<\/a> von Gudrun Waiditschka nachzulesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der diesj\u00e4hrigen Hengstparade in Marbach wurde die (wahre) Geschichte des Jacob Noa Epp nacherz\u00e4hlt, der mit seiner Familie in den Kaukasus auswanderte, dort \u00fcberfallen, verschleppt und als Sklave verkauft wurde, beim Vizek\u00f6nig in \u00c4gypten diente, schlie\u00dflich von K\u00f6nig Wilhelm I. freigekauft wurde und aus Dankbarkeit in seine Dienste trat. Ein St\u00fcck w\u00fcrttembergische Geschichte. 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