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Mär 15 2015

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Genug ist genug!

Was erst nur wie eine “Häufung von Doping-Fällen” aussah, hat sich in den größten
Skandal des Distanzsports entwickelt, der alles umfasst: Pferdewechsel während des Rittes, nicht stattgefundene Schein-Rennen zur Qualifikation, eine steigende Zahl von Dopingfällen und zahlreiche tote Pferde entlang der Piste. Wenn der Distanzport überleben soll, müssen sich alle Reiter gegen diese Praktiken wehren, um ihren Sport zu retten.

Um es gleich vorweg zu nehmen, ich persönlich bin ein Freund des Distanzsports, weil ich denek, es ist eine der besten Reitsportdisziplinen. Mit den verschiedenen Rittlängen bietet der Sport etwas für jeden, für den Amateur wie für den Profi, er stärkt das Band zwischen Pferd und Reiter, er bietet ein wunderbares Naturerlebnis und kommt dem am nächsten, was unsere Pferde am liebsten machen – und nicht zuletzt ist der Distanzsport für unsere Arabischen Pferde besonders geeignet, weil sie dort am besten abschneiden.

 

Endurance Qatar 2002-600px

PFERDEWECHSEL UND SCHEIN-RENNEN

In den letzten Jahren haben die “Gruppe VII-Länder”, und insbesondere die Vereinigten Arabischen Emirate, den Sport in eine Tragödie verwandelt. Vermutlich wurden bereits 2011 Pferde während des Rittes ausgetauscht, denn ein Pferd aus den UAE sah verdächtig anders aus am Start und am Finish, was durch Fotos bewiesen wurde. Weitere solche Pferdewechsel fanden 2012 statt, wurden von der FEI untersucht, aber ergebnislos eingestellt – angeblich gab es nicht genügend Beweise.
Die jüngste Entwicklung sind Schein-Rennen, Distanzritte, die zwar bei der FEI angemeldet wurden, auch bezahlt, und die Ausschreibung eingereicht, aber die Ritte fanden nur auf dem Papier statt – inklusive der getürkten Resultate! Man muß wissen, dass die Ergebnisse von den Nationalen Reiterlichen Verbänden eines jeden Landes in die FEI Datenbank eingegeben werden. Und eigentlich müßten wir dankbar sein,d aß sie die Ergebnisse so schlecht getürkt hatten, denn sie nahmen einfach Ergebnisse vorangegangener Ritte und übertrugen sie mit „kopieren / einfügen“. Eine Erfolgsrate von rund 90% war aber verdächtig, denn sonst liegt diese bei 35-40% (siehe Tabelle 1). Einige dieser Schein-Rennen, mittlerweile ist die Rede von etwa 12 Rennen, waren Qualifikationsrennen für den „Presedents Cup“. Es ist nicht nur unfair gegenüber den Mitreitern, die sich tatsächlich qualifizieren mußten, es ist insbesondere auch unfair gegenüber den Pferden, von denen manche (noch) nicht genug Erfahrung, Training, Fitness und Gesundheit, etc. haben, um an einem 160 km-Ritt durch die Wüste teilzunehmen.
Über Jahre schon wurden die vielen Dopingfälle von der pferdeliebenden Öffentlichkeit kritisiert. Und auch hier übernimmt die UAE mit 30 Fällen seit 2006 die Führung, verglichen mit 16 Fällen in ganz Europa, obwohl in den UAE nur 198 Ritte veranstaltet wurden, verglichen mit 1056 in Europa. Ein weiterer Grund zur Sorge ist die ständig zunehmende Geschwindigkeit an diesen „Wüstenrennen“, denn es sind Rennen, keine Ritte. Tabelle 1 zeigt wie die Durchschnittsgeschwindigkeit des Siegers im 160 km-CEI***-Ritt in Al Wathba in Abu Dhabi/UAE von 22 km/h auf 27 km/h zunahm, das ist eine Zunahme von 23%.

AP 1-15 Endurance Tabelle 1

 

ARMER SPLITTERS CREEK BUNDY

Beide Faktoren zusammen, die Zunahme der Geschwindigkeit und das Doping, um irgendwelche Lahmheiten zu vertuschen, führen unweigerlich zu Überbeanspruchung und dem Zusammenbruch von einer steigenden Zahl von Pferden. Und das war auch das Schicksal des armen Splitters Creek Bundy, der das Fass zum Überlaufen brachte. Bundy war ein 12jähriger Araber-Partbred-Wallach aus Australien, verkauft in die UAE in 2010. Vor seinem Esport, hatte er 6 x 80 km Ritte, 1 x 100 km und in 2009 den Tom Quilty Gold Cup über 160 km in Wertung beendet – man muß also annehmen, daß er gesund war. Seit seiner Ankunft in den UAE in 2010, hat er an 10 internationalen Ritten (CEI) von 80-120 km teilgenommen, und fünf in Wertung beendet. Sein letzter Ritt war dann der Al Reef Cup, ein nationaler 120 km-Ritt in Abu Dhabi. Kurz vor dem Ende der zweiten Schleife brach er mit zwei gebrochenen Vorderbeinen zusammen. Dopingtests ergaben, daß er einen ganzen Cocktail von Schmerzmitteln in seinem Blut hatte, kein Wunder also, dass er vor seinem Zusammenbruch nicht lahmte. Und obwohl dies an einem nationalen Ritt passierte, und somit nicht unter die Zuständigkeit der FEI fällt, war es doch genug für die FEI, die daraufhin die letzten zwei internationalen Ritte der UAE aus dem Kalender nahm. Der arme Bundy war nicht der einzige Fall, allein an diesem Ritt sind zwei weitere Pferde gestorben, und insgesamt wird von über 60 Pferden pro Saison in den UAE geredet, deren Knochen aufgrund von Ermüdungserscheinungen und Überbelastung brechen.

WER IST VERANTWORTLICH?

Was hier aufgelistet wurde, ist längst noch nicht alles, aber es gibt zumindest einen Eindruck von der Situation. Aber es sind nicht nur die Gruppe VII-Länder, die man für die derzeitige Situation zur Verantwortung ziehen muß. Da sind auch die FEI-Offiziellen, die im entscheidenden Moment wegschauen und bestehende Regeln nicht strikt genug anwenden, da ist die FEI selbst, die – bis vor kurzem unter der Präsidentschaft der Ehefrau des größten Dopingsünders im Distanzsport – nichts dagegen unternahm. Da sind die Pferdezüchter und –trainer, die ihre Pferde in den Mittleren Osten verkaufen, wissend, daß die Lebenserwartung eines Distanzpferdes dort nur 1 bis 2 Jahre ist. Schuldig sind all die, die ein Tel der Maschinerie sind, um die Eitelkeit der Scheichs zu befriedigen.

AP 1-15 Endurance Tabelle 2

WAS KANN MAN TUN?

Wie also kann man diese Situation verändern?
Unter dem Druck von verschiedenen Nationalen Reiterverbänden, hat die FEI kürzlich einige wichtige und längst überfällige entscheidungen getroffen: Am 12. März 2015 hat die „FEI den nationalen Reiterverband der UAE für unbestimmte Zeit suspendiert, als Konsequenz der Untersuchung der FEI in Bezug auf verschiedene Tierschutzrelevante Probleme und der Nichtbeachtung von FEI Regeln in der Disziplin Distanzsport…. Unter dieser Suspendierung, die sofort in Kraft tritt, darf die UAE nicht mehr an Sitzungen der FEI teilnehmen, oder repräsentiert sein, darf keine internationalen Veranstaltungen mehr organisieren, und seine Mitglieder dürfen nicht an internationalen Ritten teilnehmen.“ Im Dezember 2014 hatte die FEI (noch unter Präsidentin Prinzessin Haya Bint Al Hussein) entschieden, die FEI Weltmeisterschaft im Distanzsport 2016 nach Dubai zu vergeben, aber auf der FEI Website steht heute (12.3.) dass „die Vergabe verschoben“ sei. Dies sind alles wichtige und richtige Schritte, die Situation in den Griff zu bekommen.
Weitere Schritte sollten sein:

  • Verbot von “Jockeys”, d.h. Reiter müssen das Pferd regelmäßig vor einem internationalen Ritt geritten haben;
  • Änderung der Streckenführung um die Geschwindigkeit zu senken, und den Ritt technisch anspruchsvoller zu machen;
  • Offizielle sollten für die Ritte jeweils von der FEI ausgewählt und entsandt werden;
  • Ausländische Reiter haben keine Starterlaubnis für nationale Ritte in den UAE;
  • Reiter aus den UAE dürfen nicht an FEI Ritten teilnehmen;
  • Identifikation der Pferde am Start, Vetgate und Finish durch Microchip;
  • Überprüfung der Ergebnisse.

Nur wenn wir die Täter isolieren, sie von der internationalen Plattform verbannen und sie mit Missachtung strafen, werden sie erkennen, daß man mit Geld nicht alles kaufen kann, insbesondere das, was sie am meisten suchen: Internationale Aufmerksamkeit.
Gudrun Waiditschka

 

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