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Okt 14 2015

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Das Pferd des Mamelucken-Scheichs – Tajar „Hunyady“

Der Fliegenschimmel Tajar (der Fliegende, der Schnelle im Arabischen) war einer der wichtigsten arabischen Hengste, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach Ungarn importiert wurden, daher hat der ungarische Araberzuchtverband diesen Hengst auch als sein Wahrzeichen gewählt.

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Experten der damaligen Zeit waren sich einig darüber, dass sie „noch nie ein vollendeteres und besser gebildetes orientalisches Pferd gesehen… haben, an welchem das nationale Gepräge der Kraft, Lebendigkeit und Flüchtigkeit“ stärker ausgeprägt war. Es war im Jahr 1811, als Baron von Fechtig den Hengst aus Kairo nach Ungarn importierte. Ursprünglich aber stamme Tajar „aus dem beym Einfalle der Franzosen unter Napoleon aufgelösten Gestüte reiner Zucht des damahligen Machthabers Murad Bey, sey dann in die Hände des Scheiks Emir Bey gekommen, später eines der Leibpferde des Latife Bascha geworden und habe von lange her für eines der vorzüglichsten Pferde gegolten.“ Als dann der ägyptische Vize-König Mohamed Ali Wind davon bekam, dass die Mamelucken sich gegen ihn auflehnen wollten, lud er die vornehmsten ägyptischen Bey’s und ihre Mamelucken hinterlistig am 1. März 1811 in die Zitadelle von Kairo ein, wo er 480 von ihnen ermorden ließ. „Die mitgekommenen Pferde derselben wurden größtentheils eine Beute der albanesischen Soldaten, auf welche Art denn auch Tajar auf öffentlichem Verkaufsplatze dem Baron Fechtig zu Gesichte kam und von ihm, ungeachtet feiner Vortrefflichkeit, leicht erhandelt wurde, weil sich zu dieser Schreckenszeit wenig wohlhabende Einwohner öffentlich sehen ließen.“
Auf der Überfahrt von Alexandria nach Triest geriet das Schiff jedoch in einen Sturm. Da die damaligen Handelsschiffe nicht für den Pferdetransport ausgerichtet waren, wurden die Pferde auf Verdeck in notdürftigen Verschlägen untergebracht. Dabei verletzte sich Tajar erheblich und hatte „eine bedeutende Hautabschürfung am Darmbeine (rechts), wo jetzt noch die kahle Stelle zu sehen ist, überdieß hatte er schon in mehreren Gefechten einen Lanzenstich in die Kehle, eine Verletzung am Halse und an einem Schienbeine der vordern Extremität bekommen, wovon noch die Spuren ersichtlich sind“.
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Graf Hunyady sandte seinen Gestütsdirektor von Appel nach Triest, um sich das Pferd anzuschauen, dieser erkannte auch den Wert des Tieres, obwohl er durch die Reise sehr heruntergekommen aussah, und bezahlte den geforderten Preis von 1500 Dukaten – wie sich herausstellen sollte, war er diesen Preis mehr als wert. Er wurde zum bedeutendsten Zuchthengst des Gestüts Ürmeny von Graf József (I) Hunyady und hinterlies über 200 Nachkommen, die sich insbesondere durch ihre Schnelligkeit auszeichneten. Röttger von Veltheim sah in ihm sogar einen zweiten Darley Arabian oder Godolphin Arabian: „Wenn man den Tajar nämlich in einiger Entfernung stehen oder gehen sieht, so wird man mit sich selbst uneins, ob man ein wirkliches Pferd oder eine Gazelle… vor Augen hat, so etwas eigenthümlich Leichtes, ja ich möchte fast sagen Aetherisches, ist in der ganzen Gestalt und Bewegung dieses Thiers;… kurz dass dieses Pferd ein wahrer Renner der Wüste von der alleredelsten Gattung ist, leidet wohl keinen Zweifel, und wäre ich Besitzer eines Gestüts für Wettrenner in England, … ich mögte glauben, dass er mit gut ausgewählten, grossen und möglichst starkknochigen Engl. Wettläufer-Stuten in seiner Nachkommenschaft sich als ein zweiter Darley oder Godolphin bewährt haben, würde.“ Bei Erdelyi lesen wir: „Die Höhe seines Körpers beträgt 14 Faust, 2 Zoll [152,5 cm österr. Bandmaß], er ist Fliegenschimmel mit Blässe und an beyden Hinterfüßen weiß gestiefelt,… das Alter wäre auf beyläufig 36 Jahre zu setzen…; er übertrifft jedoch, ungeachtet dieser Anzahl von Jahren, an Flüchtigkeit die meisten inländischen Pferde. Der Gestüts- und Stall-Inspector, Herr Müller, welcher den Tajar gewöhnlich abends ausritt, bemerkt, daß wenn er vor Ürmeny auf die Heide kam…, derselbe losgelassen kaum zu halten war, und ihm als Reiter öfters der Athem verging; daß er sich in der Bewegung strecke und gleichsam verlängere, für den Zuschauer zu wachsen scheine und als das schnellfüßigste vierfüßige Wesen vorkomme, welches, einer Gazelle gleich, die Luft durchstreicht… Ungeachtet seines Alters, und obschon er an den Vorderbeinen gelitten haben mag, ist er noch immer voll Kraft und Feuer und ein tüchtiger Beschäler, der keinen Sprung umsonst verwendet. Seine Nachzucht artet ihm nach und erweiset sich als vortrefflich; er zeichnet sich überdieß dadurch aus, daß er mit nicht sehr großen Stuten Nachkommen von 15 Faust und 2 Zoll [162,5 cm Bandmaß] geliefert hat“.
Zwischen 1814 und 1821 wurden von Graf Hunyady auf seinem Gestüt Ürmeny die ersten Rennen in Österreich-Ungarns abgehalten, die bis zu 40.000 Zuschauer jährlich anlockten. „Das erste [Rennen] wurde den 22. May 1814 mit dreyjährigen Stutenfüllen abgehalten, wobey auf einer geradlinigen Rennbahn von einer und ein Viertel englischen Meile, oder 1082½ Wiener Klafter (etwas über eine Viertel-deutsche Meile) und einem Gewichte von 70 – 90 Pfund beschweret, die Distanz binnen drey Minuten zurückgelegt wurde.“ Tatsächlich zählten Tajars Nachkommen häufig zu den schnellsten. Er deckte im Gestüt zu Ürmény bis im Jahr 1826 und erzeugte 206 Fohlen. Von 1826 bis 1830 genoss er das Gnadenbrot. Sein Skelett wird im Museum des k.k. Tierarznei-Instituts in Wien aufbewahrt.
Gudrun Waiditschka

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