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Jan 01 2016

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Kommentar zum Europa-Championat 2015

Nicht nachvollziehbar!

Man stelle sich folgendes vor: Da ist der zweijährige Morion, der am All Nations Cup, Europa-Championat und Weltchampionat nicht nur die höchste Note in seiner jeweiligen Klasse erhält, sondern die höchste Note aller Junioren überhaupt erzielt. Da sagt einem der klare Menschverstand doch, dass so ein Prachtskerl auch wenigstens drei Medaillen mit nach Hause nimmt. Doch weit gefehlt. Zweimal wurde er Gold-Champion, beim Europa-Championat ging er aber gänzlich leer aus.
Wir haben die Erklärungsversuche für derartige „Vorkommnisse“ alle schon oft genug gehört: a) In den Klassen wird analytisch gerichtet, im Championat vergleichend, das sind zwei Paar Stiefel; b) Die Klassen finden an einem Tag statt, die Championate am folgenden Tag, da ist so manches Pferd „platt“ und zeigt sich nicht mehr; c) Die Klassen werden nur von einem Teil der Richter gerichtet, die Championate aber von allen Richtern, das verändert die Reihenfolge, d) Die Noten dienen nur dazu, die Pferde zu rangieren und haben sonst weiter keine Bedeutung, etc.
Auch wenn diese Erklärungsversuche im Einzelfall zutreffen mögen, so sollten die Verantwortlichen sich darüber im Klaren sein, dass man mit solchen Fällen das Vertrauen der Teilnehmer in ein Richtsystem, in die Richter und die Organisatoren nicht gerade stärken kann.
Denn wo Regeln besagen, dass die Klassen und die Championate von einer unterschiedlichen Anzahl Richter gerichtet werden können, muß man sich nicht über Spekulationen wundern: Wer bestimmt denn, welcher Richter welche Klasse richtet? Hat da womöglich ein Sponsor und/oder Teilnehmer Einfluß darauf? Und wenn es möglich ist – wie in den neuesten Championatsregeln dargelegt – dass der Gold Champion unter allen Pferden, die zum Championat antreten, ausgewählt werden kann (also nicht nur unter den Erstplazierten), so könnte man das auch dahingehend deuten, dass damit der Korruption eine Möglichkeit gegeben wird, ein Ergebnis zu „korrigieren“. Und wenn beim Europa-Championat plötzlich eine Championatsregel in Kraft tritt, die nicht im Blue Book steht, sondern nur in der Ausschreibung und im Katalog, dann stellt man sich doch die Frage, woher diese Dringlichkeit kam, eigene, neue Regeln zur Anwendung zu bringen.
Solange also die Richtsysteme durch immer neue „zusätzliche Optionen“ verkompliziert werden, solange wird sich der Verdacht, dass da irgendwo gemauschelt wird, halten. Transparenz, d.h. die ausführliche Veröffentlichung aller Ergebnisse, ist gut, aber Ergebnisse sollten auch mit dem „gesunden Menschenverstand“ nachvollziehbar sein, sonst wird es weiter Raum für Spekulation geben. Und dann ignoriert ein Richter am Europa-Championat diesen Morion, obwohl er die Qualität hat, zweimal Gold zu gewinnen, und im Urteil der Richter seine Klassen jeweils mit großem Abstand gewann. Wenn also dieses Pferd bei einem Richter im Championat nicht einmal unter den ersten fünf liegt, und dadurch ohne Medaille heimfahren muß, dann sprießen die Verschwörungstheorien und der Verdacht auf Korruption in den Himmel – und vielleicht nicht ganz zu Unrecht.
-gw-

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