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Mär 02 2016

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Kommentar zur Situation in Polen

Als Teenager hatte ich ein Lieblingsbuch: Erika Schiele’s „Araber in Europa“, in dem sie die Geschichte der Araberzucht für jedes Land in Europa beschreibt. Sie legte großen Wert auf die Beschreibung der Staatsgestüte und man konnte sie auf einer Karte lokalisieren. „Wenn ich doch nur einmal im Leben dort hinreisen könnte“, dachte ich damals mit 12 Jahren.
In der Zwischenzeit habe ich fast alle diese Staatsgestüte besucht, auch die polnischen Staatsgestüte Janow Podlaski, Michalow und Bialka. Nicht nur einmal, sondern mehrfach. Im gleichen Zeitraum wurden die Staatsgestüte in anderen Ländern geschlossen (Yeguada Militar / Spanien), wurden privatisiert (Chrenovoje und Tersk in Russland) oder sind in Vergessenheit geraten (Bábolna / Ungarn), hauptsächlich, weil sie nicht wettbewerbsfähig genug waren in dieser sich ständig ändernden Welt der Araberzucht. Die polnischen Staatsgestüte – bis jetzt – waren anders. Nicht nur, weil sie profitabel waren, ihre Zuchtprodukte haben den Standard gesetzt, haben die höchsten Ehren im Schauring erhalten und zugleich ein 200jähriges Erbe erhalten.
Jetzt, ganz plötzlich, wurden die berühmten Gestüte Janow Podlaski und Michalow „enthauptet“, sie wurden ihrer „Gehirne“ beraubt, ihrer Führung. Ich habe diese Art von Wechsel in der Führung in anderen Staatsgestüten bereits erlebt (z.B. Ungarn). Wie wir alle wissen, Veränderungen können gut oder schlecht sein. Aber wenn ein Gestüt auf der Höhe seines Erfolgs ist – kann es dann mit einer anderen Führung noch besser werden? Ich fürchte nein. Es wäre schon schwierig, es auf dem gleichen Niveau zu halten.
Aber keine Angst. Der Niedergang kommt nicht über Nacht, denn es gibt genügend gut ausgebildete Leute, die die Pferde tagtäglich versorgen werden. Die Zuchtpläne sind für dieses Jahr bereits gemacht. Und für die Auktion muß man nur die besten Pferde zum Kauf anbieten, dann wird man schon ein befriedigendes Ergebnis erzielen. Die Pferde auszuwählen, die auf die nächsten Schauen gehen sollen, mag die erste Herausforderung sein, aber man kann getrost auf die „alten Champions“ vertrauen, und das Publikum wird glücklich sein, sie noch einmal zu sehen. Selbst internationale Kooperation wird es weiterhin geben, es gibt genügend Privatzüchter, die ihre zweitklassigen Hengste kostenlos anbieten werden – auch das habe ich in der Vergangenheit schon gesehen… Die wirklichen Probleme werden mit dem Zuchtplan im nächsten Jahr beginnen… und in vier oder fünf Jahren werden wir sehen, anhand der Ergebnisse, ob es eine gute Idee war, die brillantesten Köpfe und geschicktesten Züchter, die wir in der Araberzucht haben, zu entlassen. Leider wird es dann zu spät sein…
Aber da ist noch ein Aspekt, der mich fast mehr bewegt, als der vorhersehbare Niedergang der Staatsgestüte. Es ist die persönliche Tragödie, die man Marek Trela, Jerzy Bialobok und Anna Stojanowska angetan hat. Ich kenne alle seit 15-20 Jahren und ich kann mit voller Überzeugung sagen, dass ich nie stärker engagierte Menschen getroffen haben, ihre Arbeit war ihr Leben – oder umgekehrt. Marek Trela auf seiner Morgenrunde um 5:30h durch die Ställe zu begleiten, wenn er über jedes Pferd eine Geschichte zu erzählen weiß und erklärt, warum dieses Fohlen seine Erwartungen erfüllt hat, ein anderes nicht ganz, gehören zu meinen schönsten Erinnerungen. Zusammen mit der verstorbenen Izabella Zawadzka haben diese Menschen mein Bild von Polen geformt, und ich bin sicher, dass es anderen ebenso geht. Sie haben es nicht verdient, auf diese Weise abgesägt zu werden.
Natürlich werden sie aufgrund ihrer Fachkenntnis und ihrem guten Ruf wieder eine Anstellung finden, wenn sie denn wollen. Aber ihr rechtmäßiger Platz ist in Polen, ist in Janow Podlaski und Michalow, um das Werk fortzusetzen, das so viele Züchter weltweit inspiriert hat.
Gudrun Waiditschka

Dr. Marek Trela, Jerzy Bialobok und Anna Stojanowska

Dr. Marek Trela, Jerzy Bialobok und Anna Stojanowska

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