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Sep 29 2016

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Auktion der Schande

Seien wir ehrlich: Die Verkaufserlöse der „Pride of Poland“ Auktion waren nicht so schlecht. Die Pferde hatten hohe Reservepreise, so dass sie nicht verramscht wurden. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass der Ruf der Auktion, der über 48 Jahre (!) hinweg aufgebaut wurde, durch getürkte Gebote ruiniert wurde.

Die polnische Auktion für arabische Pferde hat sich in 48 Jahren einen Ruf aufgebaut, der gute Verkaufserlöse garantierte, selbst wenn der Markt schlecht war. Dennoch hat niemand für dieses Jahr so ein spektakuläres Ergebnis wie im letzten Jahr erwartet. Und wenngleich der Gesamtumsatz von 1,271 Millionen Euro der zweitniedrigste in den letzten 10 Jahren war, so lag der Durchschnittspreis pro Pferd bei 79.437 € (Tabelle 1) und damit in der Mitte. Insgesamt wurden 16 von 31 Pferden, die am „Pride of Poland“ angeboten wurden, verkauft. Das Ergebnis des „Summer Sales“ war sogar noch besser, und stellt das beste Ergebnis in seiner Geschichte dar, in Bezug auf den Durchschnittspreis. Der Gesamterlös von 409.000 € ist das zweitbeste Ergebnis, nach dem Rekorderlös von 2015; 18 von 25 Pferden wurden verkauft.

„Etwas hat sich nicht richtig angefühlt“

So weit, so gut, wenn da nicht die beiden Fälle von Emira und Al Jazeera gewesen wären, den beiden Stars der Auktion. Die 16-jährige Emira von Laheeb war „Lot 0“. Sie wurde wie das Kaninchen aus dem Hut gezaubert, anstelle von Wiecza Mocy. Diese, so wurde befürchtet, könne kurzfristig zur Auktion gebracht werden, um das Ergebnis nach oben zu verbessern.
Anette Mattsson, die im Auftrag von Al Thumama Stud für Emira geboten hatte, erinnert sich an die Vorkommnisse in einem Interview mit der Arabian Horse World: „Wir boten [für Emira] – und dann passierte etwas. Ich war an diesen Auktionen seit 1989 und habe oft für andere Leute geboten. Ich weiß also, wie Auktionen funktionieren. Und ich hatte das Gefühl, es geht zu schnell. Und es fühlte sich nicht richtig an. Daher habe ich ihnen [Al Thumama Stud] gesagt, dass wir aussteigen sollten, was wir auch taten. Die Geboten stiegen weiter und endeten schließlich mit 550.000 €. Einige Pferde später kam einer der Stewards und fragte mich, wieviel wir bereit wären, für Emira zu bezahlen. Ich sagte: „Sie ist doch bereits verkauft“, und er sagte: „Nun, was ist ihr Preis?“ Danach hatten wir eine Diskussion und alles endete darin, dass wir die Stute tatsächlich kaufen konnten, denn er sagte „Okay, was sind Sie bereit zu geben?“ Als ich gerade dabei war, den Vertrag zu unterschreiben, hatten sie sich entschieden, dass die Stute noch einmal zurück in den Ring muß zur Versteigerung. Am Ende ersteigerten wir sie.“ Emira wurde also in einer zweiten Auktionsrunde für 225.000 € verkauft. Die Frage aber bleibt – was geschah wirklich in der ersten Runde?

Der Bieter konnte nicht gefunden werden

Um darauf eine Antwort zu erhalten, fragte der polnische Journalist Marek Szewczyk alle vier Stewards. Jeder von ihnen war für eine von vier Bereichen in der Auktionshalle verantwortlich. Er fragte sie, ob sie sich daran erinnern, wer die Gebote von 500.000 € und 550.000 € abgegeben hatte. Keiner von ihnen hatte einen Bieter in seinem Abschnitt. Also wie hat der Auktionator Greg Knowles von dem Gebot erfahren? In einem Interview mit der Arabian Horse World erklärte dieser, dass er – als Auktionator – kein Pferd verkaufen durfte, ohne dass Michal Romanowski, ein Vermittler, der die ANR vertrat, die Erlaubnis dazu gegeben hatte. Knowles erinnert sich an den Moment, als Emira zugeschlagen werden sollte: „Michal sagte, ‚550, verkauf sie, verkauf sie jetzt! Ich nahm daher an, dass er ein Gebot gesehen hatte. Ich schaute ihn an und sagte, ‚Sie hat einen Reservepreis von 700.000, was wollen Sie, dass ich mache?‘ Er sagte: ‚Verkauf sie, verkauf sie jetzt!‘ Der Hammer fiel bei 550!‘ Später gab Romanowski an, dass sie den Käufer nicht finden konnten, und Emira ein zweites Mal in den Ring kommen mußte, um versteigert zu werden.“
Mit Al Jazeera war die Situation ähnlich. Wie man auf dem Lifestream-Video sehen konnte, gab der Bieter No. 44 das letzte Gebot von 350.000 € ab, aber später konnte der Bieter angeblich nicht identifiziert werden. Am Ende verkündete der Auktionator, dass es ein Mißverständnis gab und Al Jazeera verließ den Ring ohne Zuschlag. Als Al Jazeera dann zum zweiten Mal zur Versteigerung in den Ring kam, gingen die Gebote bis 170.000 € und die Stute blieb unverkauft.

Der Ruf hat gelitten

Die Oppositionspartei PO (Platforma Obywatelska) [„Bürgerplattform“, eine liberal-konservative Partei in Polen, war als Koalitionspartei von 2007-2015 an der Regierung] reichte eine Mitteilung bei der Staatsanwaltschaft ein, bezüglich der Vorkommnisse anläßlich der Auktion in Janow Podlaski. Sie will, dass die jüngsten Ereignisse genau untersucht werden, damit klar wird, was wirklich passiert ist, und man herausfindet, wer die wirklichen Bieter waren.
Als die zwei Stars der Auktion zu hohen Preisen „verkauft“ wurden und dann kein Bieter gefunden werden konnte, haben viele Anwesende vermutet, dass getürkte Gebote abgegeben wurden, um den Preis hochzutreiben. Aber eine der wichtigsten „Zutaten“ einer Auktion ist das Vertrauen. Das Vertrauen der Käufer in das Produkt und in die Rechtschaffenheit des Verkäufers. Die Qualität der Pferde ist noch immer da, keine Frage, aber der gute Ruf des Verkäufers hat im Verlauf dieses Abends schwer gelitten.
Gudrun Waiditschka

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