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Apr 10 2018

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Kein Anzeichen einer Verbesserung bei den Wüstenrennen

„Clean Endurance“ (Sauberer Distanzsport) ist bestürzt darüber, dass genau vier Jahre nachdem die Endurance Strategic Planning Group (ESPG, Strategische Planungsgruppe für den Distanzsport) eine Blaupause für Veränderungen bereitgestellt hat, noch immer keine konkreten Anzeichen für eine Verbesserung in der Region 7 (Mittlerer Osten) erkennbar sind. Clean Endurance ist ein weltweites Netzwerk, das für die Ethik eines sauberen Sports durch Forschung, Veröffentlichungen und Ausbildung im Bereich des Distanzsports arbeitet.

Endurance UAE-300pxDie FEI hat 2013 die ESPG ins Leben gerufen, als Antwort auf die wachsende Besorgnis in Bezug auf das Wohlergehen von Pferden, Doping und Regelbrüche. Die Vereinigten Arabischen Emirate (UAE) waren dabei das Hauptaugenmerk, denn seine Finanzkraft bedeutet, dass heute 50% der weltweit bei der FEI registrierten Distanzpferde dort zu finden sind. Nach monatelangen Beratungen präsentierte die ESPG dem FEI Sport Forum im April 2014 seine 41 Empfehlungen.
Der ESPG-Ansatz, der keine Tabus kannte, gab den Aktivisten vorsichtige Hoffnung. Vier Jahre später kommt Clean Endurance zu dem Entschluß, dass die Hälfte der Empfehlungen leider nie aufgegriffen wurden. Andere wurden bislang nur teilweise umgesetzt.
In einigen Bereichen hat sich die Situation in den Wüstenrennen seit 2014 sogar verschlechtert: Die Durchschnittsgeschwindigkeit der Sieger steigt von Jahr zu Jahr, trotz wissenschaftlicher Beweise, die die hohen Geschwindigkeiten mit Knochenbrüchen in Verbindung bringen; die Zahl der Ritte, die in Wertung beendet werden, liegt bei lediglich 15 %, und läßt vermuten, dass – während die Tierärzte die Pferde strenger eliminieren – die Reiter nichts in Bezug auf Pferdemanagement gelernt haben; die Dopingfälle, bei denen Distanzpferde betroffen sind, dominieren noch immer die Fallzahl des FEI Tribunals.

Die Schlüsselbereiche, die weiterhin Sorge bereiten, sind:

Doping

Die ESPG empfahl, dass die Anzahl der getesteten PFerde erhöht werden solle, und das wurde von 96% der Befragten befürwortet. Jedoch zeigen die veröffentlichten Zahlen des FEI Equine Anti-Doping and Controlled Medication Programme (EADCMP, Anti-Doping und kontrollierte Medikamentengabe bei Pferden), dass durchschnittlich 11,9% positive Fälle bei Pferden an UAE-Ritten gefunden werden – 10mal mehr als bei allen anderen Pferdesportdisziplinen im Rest der Welt. Obwohl die UAE als „hochriskant“ von der FEI eingestuft wird, wurden weniger als 4% der FEI-Ritte in den UAE getestet.
Dreimal mehr Pferde starten an Ritten unter den nationalen Regeln der Emirates Equestrian Federation (EEF, FN der UAE). Clean Endurance glaubt, dass es da ein ernsthaftes Fragezeichen gibt, was die Anzahl der Proben an diesen Ritten betrifft.
Clean Endurance glaubt nicht, dass die Empfehlungen der ESPG für Dopingtests außerhalb der Wettbewerbe umgesetzt wurden: Kein einziges Resultat dieser Art wurde neben den Ergebnissen aus den Wettbewerben veröffentlicht.

Horsemanship

ESPG wollte, dass die Qualifikationen überprüft werden, so dass nur „kompetente“ Reiter antreten können. Aber der live-stream egal welchen Rittes in der Gruppe 7 zeigt sehr schlechten Reitstandard, der oftmals zum Missbrauch des Pferdes beiträgt. Die meisten Pferde haben scharfe Gebisse mit langen Anzügen und andere extreme Zäumungen. Im Gegensatz zu anderen FEI-Disziplinen gibt es im Distanzsport keine Regeln bezüglich der Gebisse. Ein Fortbildungsprogramm wurde erst letztes Jahr gestartet.

Regelbrüche

Die ESPG verlangte „harte“ Strafen und schärfere Zugangskontrollen zum Vetgate. Doch in der laufenden Wintersaison (2017-2018) gab es nur zwei gelbe Karten, die in der UAE ausgegeben wurden, mit einer kleinen Anzahl von Disqualifikationen wegen Missbrauchs oder der undefinierbaren Begründung „hat nicht den geltenden Sportregeln entsprochen“.
Zahlreiche Verstöße gegen das Zungagsrecht wurden von Clean Endurance in den letzten vier Saisons auf Video festgehalten und der FEI vorgelegt. Diese enthielten ausnahmslos extra-lange Zügel, die als Peitsche verwendet werden (Stöcke, Peitschen und Sporen sind unter FEI-Regeln verboten); Ohrenziehen im Vetgate (von dem man glaubt, dass es die Herzfrequenz senkt); und viel mehr Crew als die erlaubten fünf pro Pferd.
„Mobiles crewing“ ist gegen die FEI-Regeln, aber anscheinend geduldet als „notwendiges Übel“ in sehr heißen Klimaten. Nichts wurde jedoch getan, um die Fahrzeug-Kavalkaden auf der Piste zu begrenzen, die authorisierte Hilfe darstellen.
Es scheint, dass noch immer einige Offiziellen wegschauen. Jedoch ist auch jede Möglichkeit der Sanktion durch die „30-Minuten-Regel“ erschwert. Dieser enge Zeitrahmen um einen Protest vor Ort einzulegen, mag für eine Sportart funktionieren, die in einer Arena stattfindet, aber ist völlig unrealistisch für den Distanzsport. Außerdem, und das liegt in der Natur des Distanzsports, ist die Ground-Jury und andere Offiziellen oftmals 20 km oder mehr vom Ort des Vorfalls entfernt.

Tötliche Verletzungen

Die FEI-Studie zur Überwachung von Verletzungen, die von Prof. Tim Parkin an der Universitat in Glasgow geführt wird, ist eine der wenigen Empfehlungen der ESPG, die umgesetzt wurde. Ihre Ergebnisse wurden 2017 am FEI Sport-Forum in Lausanne und am Distanzsport-Froum in Vic, Spanien, diskutiert. Das Technische Kommitee für Distanzsport der FEI hat dann eine Regel formuliert, wodurch die verpflichtende Ruhepause für Pferde, die schneller als mit 20 km/h unterwegs waren, verlängert wird. Das wäre ein großer Schritt gewesen, ähnlich der Geschwindigkeitsbegrenzung, die Sheik Sultan in Boudhieb für seinen Best Condition-Preis fördert.
Jedoch wurden diese und andere Tierschutzmaßnahmen, die für 2018 geplant wurden, auf 2019 verschoben, nachdem es an der FEI Jahreshauptversammlung im November in Uruguay zu Verwirrungen kam.
2014 wurde der Code „CI“ (Catastrophic Injury, katastrophale (tötliche) Verletzung) eingeführt, so dass Todesfälle in den Rittergebnissen angegeben werden. Clean Endurance hat kürzlich der FEI Beweise vorgelegt, dass seit 2014 26 Pferde am Tag ihres letzten Ritts gestorben sind, die nicht als CI deklariert waren.
Clean Endurance glaubt, dass die „offiziellen“ Todeszahlen nur die Spitze des Eisbergs sind, und dass sehr viel mehr traumatisch verletzte Pferde beiseite geschafft werden, bevor sie euthanasiert werden, um zu verhindern, dass sie in der Statistik auftauchen und/oder dass der Reiter 80 Strafpunkte für den Todesfall erhält.

Trainers

In den meisten Pferdesportarten, auch im Distanzsport im Rest der Welt, ist der Reiter auch der Trainer des Pferdes. In den UAE kommen die Pferde aus den großen Ställen, die von professionellen Trainern überwacht werden, und erhalten am Tag des Rennens einen Stalljockey oder Reiter aus dem Ausland zugewiesen.
Die ESPG schlug vor, dass die Trainer registriert werden und eine Rangliste erstellt wird gemäß der Ankommer-Rate ihrer Pferde. Diese Liste sollte automatisch abgeglichen werden mit den Reitern, die in Dopingfälle verwickelt sind. Nichts dergleichen geschah. Wenn der Jockey nach den Instruktionen eines Trainers reitet, ist es selbstverständlich, dass er weiterreitet und die Anzeichen seines Pferdes, das nicht mehr kann, ignoriert.
Im März 2015 hatte sich die Situation so verschlechtert, dass die FEI die EEF für vier Monate suspendierte. Zwei leitende EEF-Führungskräfte wurden ebenfalls suspendiert, weil sie die gesamten Ergebnisse von wenigstens 15 Ritten gefälscht hatten. Im April 2016 nahm die FEI das Welt-Championat von Dubai weg, unter Berufung auf Bedenken, dass das Wohlergehen der Pferde an diesem Ort nicht aufrechterhalten werden könne.
Clean Endurance versteht natürlich, dass Änderungen nicht von heute auf morgen passieren können. Aber wieviel Schaden wird den Pferden und dem Ruf dieser Reitsportdisziplin noch zugefügt, wenn wir weitere vier Jahre warten müssen, bevor konkrete Maßnahmen furchtlos umgesetzt werden?
Clean Endurance
Das ESPG-Papier kann hier heruntergeladen werden (in Englisch): ESPG-Papier (58 Downloads)

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