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Okt 25 2018

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Pierre-Nicolas Hamont – Die Gestüte der Paschas

Der französische Tierarzt Pierre-Nicolas Hamont lebte von 1828 bis 1842 in Ägypten und avancierte zum Leiter des Gestüts von Mehmed Ali. Er kannte daher auch die Gestüte von dessen Söhnen und einige andere Gestüte aus erster Hand. Die Zustände, die dort herrschten, beschrieb er in zahlreichen Zeitschriftenartikeln und in seinem Buch “L’Égypte sous Mehmed Ali” (1843).

Das Gestüt Shoubra von Mehmed Ali

Bereits Ende der 1820er-Jahre hielt der Pascha von Ägypten in Nayè, einem Dorf in Unterägypten, eine Anzahl von Stuten und einige Hengste zur Zucht. Das Land zum Anbau von Gerste, der Hauptnahrung in diesem Land, wurde bewilligt und ein Türke namens Osman Aga zum Direktor ernannt.
Viele Jahre wurden mit Versuchen zu Pferdezucht und -haltung verschwendet, die letztlich keine befriedigenden Ergebnisse erzielten. Tödliche Krankheiten grassierten jedes Jahr unter den Pferden, und so starben in einem Jahr zwei Drittel aller Fohlen, da auch die Tiermedizin in Ägypten unbekannt war.
Um günstigere Bedingungen zu haben, wurde das Gestüt in die Nähe von Mehmed Alis Sommerresidenz nach Shoubra verlegt, Osman Aga wurde in den Ruhestand geschickt und durch seinen Adoptivsohn ersetzt. Für alle Tiere wurden neue Ställe gebaut. Aber auch hier grassierten Krankheiten und hohe Verluste. Daher wurde Hamont beauftragt, nach der Ursache dieser Krankheiten zu suchen. Nichts, was die Gesundheiterhaltung, Züchtung oder Kräftigung der Pferde sicherstellte, wurde in diesen Ställen praktiziert. Die Stuten standen dicht beeinander, an allen vier Beinen gefesselt, unbeweglich, in einem niedrigen Stall, ohne Trennwände und mit schlechtem Stallklima. Die Fohlen waren mickrig und häufig erkältet; räudig und von Fliegen belästigt standen sie auf feuchtem Mist neben ihren Müttern. Die Hengste waren heruntergekommen, alt, mit Fehlern behaftet und gefesselt wie die Stuten. Diese Pferde bildeten den Bestand, mit dem Mehmed Ali hoffte, gute Pferde zu züchten.
Während der Vegetationsperiode wurden die Pferde nicht geritten, sie standen nur im Klee. Hamont empörte sich: „Diese schönen Nedjdis, die besten ihrer Art, die man hier züchten wollte, sind nach einem Jahr Aufenthalt in Ägypten nicht mehr wiederzuerkennen; sie gehen aus dem Leim, ihre Bewegungen verlangsamen sich, sie verlieren ihre urpsrüngliche Kraft und ihren Charakter. Zuhause im Nedjd läßt man sie – statt fünf Monaten im Klee ohne jegliche Bewegung – 40 Tage auf die Weide, aber frei oder nur am Hals mit einem langen Seil angebunden. Das Jahr über werden sie mit Milch, Datteln und Fleisch gefüttert. Die so gehaltenen Pferde haben nur wenige Krankheiten, sind unermüdlich und die schönsten der Welt.“

Was die Zucht anbelangte, so wurde ohne Überlegung gedeckt. Man ließ den erstbesten Hengst auf eine Stute, ohne danach zu schauen, ob die Mängel des einen vom anderen kompensiert würden. Daher kamen auch jede Menge deformierter Fohlen zur Welt. Wenn eine Stute gedeckt wurde, deckte man erst nach sechs Wochen wieder nach und oftmals war sie nicht mehr rossig, wenn man ihr einen neuen Hengst zuführte. Wenn das Fohlen geboren wurde, wußte man oftmals nicht seinen Vater. Viele der Stuten abortierten regelmäßig aus den verschiedensten Gründen. Die unzweckmäßige Fütterung, die keine Rücksicht auf Geschlecht, Nutzung oder Alter nahm, stellte ebenfalls eine Ursache für allerlei Krankheiten dar. Den laktierenden Stuten gab man im Sommer nur Gerste und Stroh, so daß sie nicht genügend Milch gaben. Der Fohlenjahrgang in dem Jahr, als Hamont ins Gestüt kam, war größtenteils gestorben, das, was überlebte, war klein und verkümmert und würde nie ein gutes Pferd ergeben.
Im ersten Jahr seines Lebens muß man beim Pferd den Grundstock für die weitere Entwicklung legen, aber das ist es genau, was in Shoubra vernachlässigt wurde. Die gewöhnliche trockene Nahrung reichte nicht aus, und nach einem Jahr des Leidens und des Elends in diesem Gestüt wurden die Pferde in einen anderen Stall nach Kairo geschickt. Dort ging es genauso weiter: keine Bewegung, trockene Nahrung, keine Abwechslung. Die armen Fohlen, die gerade Shoubra überlebt hatten, waren nun auf ihrem nächsten Weg, wo sie elendig zugrunde gingen.
Unter diesen Umständen den Ausbruch von Krankheiten zu bekämpfen, war keine leichte Aufgabe. Diese Einrichtung verdiente es nicht, den Namen Gestüt zu tragen, vielmehr mußte man alles von Grund auf erneuern.
Hamont unterbreitete Mehmed Ali den Plan, neue Stallungen in der Ebene von Shoubra zu bauen. Diese bildeten ein Parallelogramm mit 280 m Länge und 183 m Breite. In der Mitte waren verschiedene Höfe durch Eisengitter abgezäunt. In den Ställen bewegten sich die Stuten frei, die Koppeln waren mit Hecken eingezäunt.
Mehmed Ali hatte aus Mekka blau blühende Luzerne mitgebracht, die mehrere Jahre gedeiht, wenn sie richtig bewässert wird, und man kann drei Schnitte pro Monat machen. Dadurch erhalten die Stuten mit ihren Fohlen das ganze Jahr hindurch Grünfutter, abwechselnd mit Gerste und Häcksel.
Unter Hamonts Direktive wurde kein Tier mehr angebunden. Jede Stute, jeder Hengst hatte eine Nummer auf dem linken Huf und diese Nummer korrespondierte mit der Nummer im Register, wo das Datum von Bedeckung und Geburt notiert wurden. Ab dem Alter von zwei Monaten erhielten die Fohlen geschrotete Gerste, mit vier Monaten wurden sie abgesetzt – aber langsam, nicht so abrupt wie früher. Man gab successive mehr Futter, immer mit Luzerne, Gerste und Stroh. Sie waren den ganzen Tag auf der Koppel und kamen erst am Abend zurück. Zwei Drittel der Geburten fanden im Frühjahr statt; mit drei Jahren verließen die Jungpferde das Gestüt. Um den Futterplan etwas abwechslungsreicher zu gestalten, schickte man von Frankreich Hafer-, Esparsette- und Karottensamen, die hier angebaut werden sollten. Wenn diese Pflanzen sich akklimatisierten, wäre das ein großer Gewinn für Ägypten. Mit einer reichhaltigeren, vielfältigeren Nahrung gab es weniger Krankheiten und bessere Nachzucht. Das Personal wurde militärisch durchorganisiert, die Pfleger erhielten Uniformen und zusätzlich zu ihrem Lohn Kleidung und Brotrationen.
Früher war eine mangelnde Größe der Pferde ein Problem. Mit dem besseren, abwechslungsreicheren Futter und mehr Bewegung erreichten die Pferde mehr Höhe: Die Zweijährigen waren bald schon so groß wie früher die vierjährigen Pferde. Rotz, Krätze, Verwurmung und Erkältungen hatten stark abgenommen. Es wurden mehr Fohlen geboren, und sie waren schöner, was auch Mehmed Ali schon nach kurzer Zeit auffiel.
Nach der Reform zählte das Gestüt 1838 rund 400 ägyptische Stuten, 30 Araberhengste aus dem Nedjd und aus Syrien sowie einen Engländer und einen Russen; 120 zweieinhalbjährige Jungpferde, 80 eineinhalbjährige, 180 von 6 Monaten bis zu einem Jahr. Die Stuten wurden jedes Jahr gemustert, die ausgemusterten wurden zur Maultierzucht verwendet. Sie wurden mit selbst gezogenen Jungstuten ersetzt. Die Junghengste verließen das Gestüt dreijährig und gingen in den Reitdienst; der Vize-König wählte für sich selbst die Schönsten zur weiteren Verwendung in seinen Ställen aus. Die Stuten aus der Umgegend wurden von den Nedjd-Heng-
sten gedeckt, deren Produkte sehr beliebt waren.

Das Gestüt von Ibrahim Pascha

Das Management und die Abläufe waren wie die im alten Gestüt von Shoubra und wie es überall in Ägypten gehandhabt wurde. Die Stallungen des Fürsten waren in der Nähe von Kasserling gelegen, bei seinem Schloß, am Ufer des Nils und nicht weit von Kairo.
Die Stuten und Hengste waren aus dem Nedjd, wo Ibrahim Pascha sie sich genommen hatte, als er das Land eroberte. Es gab einige ägyptische Stuten, ägyptische Hengste, mehrere Esel; insgesamt vierhundert Stück. Der Standort war nicht geeignet, da es im Winter sehr feucht war, aber es gab weit weniger Krankheiten als in Shoubra, weil die Pferde des Prinzen von besserer Rasse waren. Es gab keinen Rotz oder Druse, lediglich Durchfälle häuften sich während der kälteren Jahreszeit.
Es gab nur wenig Geburten, etwa 50 % der Stuten. Mit 6 Monaten oder einem Jahr wurden die Fohlen an allen vier Beinen angebunden. Sie erhielten wenig abwechslungsreiche Nahrung während all der Jahre, nur Gerste und Stroh. Sehr wenig Nahrung wurde den Fohlen bis zum Alter von zwei Jahren gegeben. Die Fohlen blieben verkümmert und wurden wenig geschätzt, obwohl sie sehr gute Mütter und Väter hatten.
Die Neuerungen im Gestüt von Mehmed Ali hatten auch das Interesse von Ibrahim Pascha erregt. Hamont hatte ihm Bericht erstattet, welche Reformen notwendig wären. Mit Hilfe des Franzosen Bonfort, der schon seit langen Jahren in Diensten von Ibrahim Pascha war, konnten diese umgesetzt werden. Es wurden Änderungen in der Fütterung eingeführt, die Ställe verbessert und Koppeln eingerichtet. Die Fütterung mit Luzerne, das reichliche Futter für die Fohlen und die Bedeckungen wurden nach dem Muster von Shoubra organisiert. Doch Hamont konnte seine Reformen nicht vollständig umsetzen, da er auf den Widerstand der bediensteten Türken stieß.
Ibrahim Pascha verkaufte seine dreijährigen Pferde in einer öffentlichen Auktion, die besten behielt er für sich selbst.

Das Gestüt von Abbas Pascha

Das Gestüt von Abbas Pasha lag in einer sandigen Ebene in der Nähe von Heliopolis. Die Anlage war eine Kopie von Shoubra. Lange Zeit hatte Abbas Pasha seine Pferde im Freien gehalten, in der Sonne, im Regen, ohne Probleme.
Die Stuten und Hengste waren aus dem Nedjd und von der schönsten Rasse. Die Leitung des Gestüts wurde einem Mann aus dem Hedschaz anvertraut. Es gab weder Hunger noch Krankheiten wie Rotz oder Druse. Die Geburtenrate war hoch, aber geringer als in Shoubra. Die Fohlen wurden mit Datteln und Kamelmilch ernährt. Abbas Pascha überwachte die Aufzucht der Fohlen.
Geschrotete Gerste, Luzerne, Häcksel und einige andere Neuerungen wurden übernommen. Die Ställe waren wie in Shoubra, die Fohlen konnten sich frei bewegen, es gab keine Barrieren. Es war das reichste Gestüt in Ägypten und zeichnete sich durch die sehr hohe Qualität der Hengste, Stuten und deren Nachzucht aus. Es zählte 150–200 Köpfe. Abbas Pasha liebte seine Pferde sehr, von allen Kindern Mehmed Alis war er es, der sich am besten auskannte.
Es war für Ausländer fast unmöglich, sein Gestüt besuchen zu dürfen. Die Produkte aus dem Gestüt dienten Abbas Pascha und seinen Mamelucken als Reitpferde. Sein Großvater wollte ihm die Leitung seines Gestüts in Shoubra übertragen. Nach Hamonts Ansicht hätte Mehmed Ali nichts Besseres tun können, denn diese Ernennung wäre ein Segen für das ganze Land gewesen.

Das Gestüt von Kurschid Pascha

Das Gestüt lag in Embabé, gegenüber Boulac. Die Stuten und Hengste stammten aus dem Nedjd, wo Kurschid Pascha mehrere Jahre lang Gouverneur war.
Es waren sehr schöne Pferde; einige prächtige Hengste; hervorragende Nachzucht, etwa 150 Köpfe. Kurschid Pascha hatte ein Gestüt, das gut durchdacht war. Die Nahrung der Pferde war vielfältig und reichlich; ein Europäer leitete das Gestüt. Wenn Kurschid Pascha sich voll und ganz auf sein Gestüt konzentrieren könnte, so Hamont, könnte er die besten Pferde in Ägypten züchten, und wenn er seine Hengste und Stuten aufgeben würde, so wäre dies ein großer Verlust für ganz Ägypten.
Mehmed Ali hatte seinem ehemaligen Mamelucken verboten, seine Stuten oder Hengste zu verkaufen, er durfte jedoch die Fohlen verkaufen. Neben diesen Gestüten züchteten auch einige hochrangige Regierungsbeamte in Ägypten arabische Pferde: Achmet Pascha, Kriegsminister und Neffe des Vize-Königs, hatte mehrere Nedjd-Hengste von großer Schönheit und zwanzig oder dreißig arabische Stuten von der schönsten Rasse. Sein Gestüt wurde in der Art und Weise, wie es für Ägypten typisch ist, geführt.

Aus dem Buch „Königliche Pferde – die arabische Pferdezucht der württembergischen Könige“ von G. Waiditschka, erschienen bei IN THE FOCUS, 260 Seiten, ca. 300 Abb., 59,00 €, erhältlich hier im Online-Shop!
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