Editorial AP 1/2023 – Luxusgut Pferd

Überall wird heftig über die GOT diskutiert, die neue Gebührenordnung für Tierärzte in Deutschland. Dabei gibt es zwei Seiten der Medaille, die der Tierärzte und die der Tierbesitzer. In einem sind sich alle einig – ja, ein Tierarztbesuch oder eine Behandlung ist damit teurer geworden, mitunter sogar gravierend teurer, wie Beispiele für Impfung, Kastration oder Zahnbehandlung zeigen.


Die Tierärzte argumentieren, dass sie seit 1999 keine Anpassung der GOT hatten – rund 25 Jahre keine Gehaltserhöhung bei steigenden Kosten (Geräte, Gehälter für TFAs, Auto, Sprit etc.). Die Tierbesitzer jammern, dass sie sich bald keine Tiere mehr leisten können, denn natürlich sind auch sie von den steigenden Lebenshaltungskosten (Energie, Lebensmittel etc.) betroffen. Wie man es dreht oder wendet, die Pferdehaltung ist teurer geworden, und somit wird das Pferd vermehrt zum Luxusgut. Es besteht sogar die Gefahr, dass so manches Tier keine adäquate Behandlung mehr bekommt, weil es sich der Besitzer nicht mehr leisten kann.


Ich erinnere mich, dass noch bis in die 1970er-Jahre Pferdehaltung mit „reich“ assoziiert wurde und ich weit fahren mußte, um einen bezahlbaren Reitstall zu finden. Dann, Mitte der 1990er-Jahre, war die höchste Aktivität in punkto Zucht – und somit auch in punkto Pferdehaltung ereicht. Danach gingen die Zahlen wieder etwas zurück und haben sich auf relativ hohem Niveau eingependelt. Wenngleich so mancher Pferdebesitzer seine Vierbeiner am Haus hält und damit die Kosten reduzieren kann, assoziieren die meisten Nicht-Pferdeleute auch heute noch „Pferdebesitzer = reich“, und insbesondere so manche Araberzüchter haben in der Vergangenheit dazu beigetragen, diese Rasse nach außen als einen Luxusartikel für reiche Scheichs zu vermarkten.


Mir wäre es lieber, ich könnte Optimismus verbreiten, aber ich fürchte, wir werden alle umdenken müssen. Es sind ja nicht nur die Tierarztkosten, die gestiegen sind, auch die Futterkosten, Lohnkosten, Unterhalt für Gebäude etc. Hinzu kommen die Herausforderungen, die der Klimawandel an uns stellt – trockene Weiden im Sommer, bei denen zugefüttert werden muß, weil kein frisches Gras wächst, und monatelanger Dauermatsch im Winter, weil der Boden nicht mehr friert. Es gibt bereits große Pensionsställe, die aufhören, weil sich die Kosten kein normaler Pferdehalter mehr leisten kann, andererseits aber unter den aktuellen Betriebskosten auch kein Betrieb aufrechtzuerhalten ist. Der Personalmangel ist zudem ein großes Problem. Eine zunehmende Entfremdung des Menschen von der Natur und allem, was mit Landwirtschaft zu tun hat, tut ihr Übriges.


Es wird einen Strukturwandel geben. Bereits jetzt wandern manche Züchter aus – Frankreich ist derzeit „das gelobte Land“. Ob es dies auf Dauer so sein kann, wird sich zeigen müssen. Züchterisch aber ist dieser Strukturwandel vielleicht auch ein Anreiz, „Klasse statt Masse“ zu züchten, insbesondere gesunde und korrekte Pferde, die seltener einen Tierarzt brauchen – dann könnte in solch einem Wandel auch eine Chance liegen!


Gudrun Waiditschka