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Mär 02 2016

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Düstere Aussichten

Geht man den Weg entlang zum Uhrenturm in Janow Podlaski, ist man von Geschichte umgeben. Ich war immer gerne hier, denn ich liebe beides, Arabische Pferde und Geschichte, und ganz besonders die Zuchtgeschichte des Arabischen Pferdes. In diesem Moment werden wir Zeuge, wie ein weiteres Kapitel in der Geschichte des Arabischen Pferdes aufgeschlagen wird – mir wäre lieber, wenn es geschlossen bliebe…

Die Uhr zeigt 10 nach 12...Foto: G. Waiditschka / IN THE FOCUS

Die Uhr zeigt 10 nach 12…
Foto: G. Waiditschka / IN THE FOCUS


Am 19. Februar 2016 wurden die Gestütsdirektoren Dr. Marek Trela (Janow Podlaski), Jerzy Bialobok (Michalow) und die Pferdezuchtinspektorin Anna Stojanowska (Agentur für landwirtschaftliche Staatsbetriebe, ANR) von ihren Posten mit sofortiger Wirkung entlassen. Diese Entscheidung versetzte die Araberzüchter weltweit in Schock, denn diese Leute, zusammen mit der im letzten Jahr verstorbenen Izabella Zawadzka und den vorigen Direktoren Andrzej Krzystalowicz und Ignacy Jawarowski waren die Architekten der polnischen Araberzucht, wie wir sie heute kennen. Dieser Artikel versucht, etwas Licht ins Dunkel zu bringen, was derzeit in Polen passiert.

Ein neuer politischer Kurs

Die neue polnische PiS (‚Recht und Gerechtigkeit‘) Regeirung, erst im Oktober 2015 gewählt, hat mit atemberaubender Geschwindigkeit und Reichweite einige kontroverse neue Gesetze erlassen, die ihnen mehr Kontrolle über Staatsinstitutionen gegeben hat. Diese Maßnahmen beinhalten: Das Management der größten staatlich kontrollierten Betriebe des Landes auszuwechseln, ein neues Gesetz bezüglich des Verfassungsgerichtes zu erlassen, das darauf abzielt, den Einfluß der Regierungspartei über das Gericht zu verstärken, sowie ein weiteres Gesetz zu erlassen, das der PiS-Partei erlaubt, Kontrolle über den öffentlichen Dienst zu übernehmen, und damit mehr als 1600 Direktoren im öffentlichen Dienst, die unpolitisch sind, zu entlassen und zu ersetzen.

Entlassung der Galionsfiguren

In einem beispiellosen Akt hat die ANR die drei Galionsfiguren der polnischen Araberzucht mit Personen ersetzt, die teilweise noch nie mit Pferden zu tun hatten. Die alten und neuen Gestütsdirektoren und Zuchtinspektoren sind:
Dr. Marek Trela, Tierarzt, auf Pferde spezialisiert, mit Janow Podlaski seit 1978 verbunden, erst als Tierarzt, später wurde er von Direktor Andrzej Krzysztalowicz als sein Nachfolger ausgewählt. Trela erwarb seine Erfahrungen und Kenntnisse über die Araberzucht von seinem Mentor, dem verstorbenen Andrzej Krzysztalowicz und leitete das Gestüt die letzten 16 Jahre. Gleichzeitig erwarb er sich einen Ruf als führender Zuchtexperte, als respektierter Richter, der alle wichtigen Schauen gerichtet hat. Er ist Mitglied der Richter-Ausbildungsgruppe der ECAHO, Mitglied des Vorstands der ECAHO und Vize-Präsident der WAHO. Er wurde ersetzt durch Marek Skomorowski, zuvor stellvertretender Direktor der Lubliner Filiale der Direktion für Entwicklung und Modernisierung der Landwirtschaft. Der gebürtige Lubliner ist Wirtschaftswissenschaftler und war zuvor in Zusammenhang mit dem Bankensektor tätig.
Jerzy Bialobok ist ein Absolvent der Landwirtschaftlichen Universität von Poznan. Nach dem Studium kam er als Lehrling nach Michałów und arbeitete seit 1977 im Gestüt. 1997 wurde er Nachfolger des ersten, langjährigen Direktors des Gestüts, Ignacy Jaworowski. Das Gestüt verdankt Bialobok einige herausragende Zuchterfolge und so wurde 2001 Michalow vom polnischen Presidenten Aleksander Kwasniewski als das beste polnische Gestüt ausgezeichnet. Bialobok zählt ebenfalls zu den weltbesten Zuchtexperten und ist ein beliebter Richter. Er wurde ersetzt durch Anna Durmala, die ihren Abschluss an der Landwirtschaftlichen Universität in Krakau als Tiertechnikerin im Jahr 2008 machte. Von 2008-2013 arbeitete sie auf dem Privatgestüt „Ewex Arabians“ (5 Stuten, 1 Hengst, 2 Wallache).
Anna Stojanowska ist Absolventin der Landwirtschaftlichen Universität Warschau im Bereich Nutztierwissenschaften, spezialisiert auf Pferdezucht. Zwischen 1993 und 1995 arbeteitete sie auf den polnischen Arabergestüten Michalow, Kurozweki, Bialka und Janow Podlaski. 1995 wurde sie bei der Agentur für landwirtschaftliche Staatsbetriebe (ANR) angestellt, dem Besitzer der Staatsgestüte, wo sie als Pferdezuchtspezialistin und Berater der Gestüte diente. Sie folgte Izabella Zawadzka nach, die ihre Mentorin war. Anna Stojanowska ist seit 1999 eine international anerkannte Richterin, derzeit ist sie Präsidentin der Polnischen Privatzüchter Organisation (PZHKA) und Vize-Präsident der ECAHO. Ein Nachfolger ist noch nicht benannt.
Die ANR gab bekannt, dass es „die Aufgabe der neuen Führung dieser Unternehmen ist, die Zucht des arabischen Pferde fortzusetzen und weiter zu entwickeln. Araberpferde sind und werden auch in Zukunft in der polnischen Staatsgestüte von der Agentur mit Priorität behandelt werden.“ Bedenkt man das obige Personalkarousell, so sind Zweifel angebracht…

Die Gründe der Entlassungen

Einige Tage nach der Entlassung wurden den dreien von Waldemar Humiecki, Präsident der ANR, auch die Gründe mitgeteilt. Darin wurde ganz allgemein von „Mangel an Vertrauen“ gesprochen, und im Falle von Marek Trela gab die ANR an: „Ein Mangel an geeigneter züchterischer und tierärztlicher Überwachung der Vollblutaraber im Fall von Janow Podlaski. Die Auswirkungen dieses Mangels an angemessener Überwachung wurden, unter anderem, durch die Umstände bestätigt, die mit der Krankheit, Behandlung und Euthanasie der Stute Pianissima in Zusammenhang stehen, deren Wert auf 3 Mio Euro geschätzt wurde. Der Tod der Stute passierte im Oktober 2015. Zum Vergleich: An der Auktion, die im August 2015 in Janow Podlaski abgehalten wurde, wurde die Stute Pepita für 1,4 Mio Euro verkauft.“ In ihrer gemeinsamen Verteidigungsschrift gegen die Anschuldigungen der ANR, führen Trela, Bialobok und Stojanowska aus: „Die Stute Pianissima erfreute sich bester Gesundheit während ihres gesamten Lebens. Am Tag vor ihrem Tod nahm sie an der herbstlichen Zuchtstutenbewertung teil, wobei sie von einem Dutzend Personen gesehen wurde. Sie war bei bester Gesundheit und in Begleitung ihres Fohlens. Pferdeverwandte (Equidae) erliegen aufgrund ihrer spezifischen Konstruktion des Gastrointestinaltraktes häufig einer Krankheit namens Kolik. Bei Pianissima war es eine Darmverschlingung. Diese Erkrankung kam plötzlich, unerwartet und nahm einen sehr dramatischen Verlauf.“ Zusätzlich wurde Marek Trela vorgeworfen, dass er für Pianissima keine Lebensversicherung abgeschlossen hatte, und Anna Stojanowska wurde in ihrem Entlassungsschreiben beschuldigt, dass sie Janow Podlaski in dieser Hinsicht nicht streng genug überwacht hatte. „Also, sie kritisieren, dass, als Pianissima starb, sie nicht versichert war“, erläuterte Marek Trela, als ich ihn zwei Tage nach seiner Entlassung in Abu Dhabi traf. „Aber für welche Summe hätte ich sie denn versichern sollen? Die ANR sagt 3 Miollionen Euro – warum nicht 5 Millionen oder 500 Millionen? Ein Pferd ist nur soviel wert, wie jemand bereit ist, dafür zu bezahlen. Aber Pianissima stand nie zum Verkauf, daher wissen wir es nicht. Und was ist mit unseren anderen Champions, wie Pinga und Pogrom, etc., man kann sich leicht die jährlichen Versicherungsprämien ausrechnen!“ Lebensversicherungen für Pferde sind eine komplizierte und teure Angelegenheit. Um für eine Summe von 3 Mio Euro zu versichern, läge die jährliche Versicherungsprämie bei rund 125.000 €, wohlgemerkt für nur das eine Pferd.
Außerdem wurden die beiden Gestütsdirektoren beschuldigt, dass sie „ausländischen Vertragspartnern die Erlaubnis gegeben haben mehr Embryos zu entnehmen, als nach polnischen Regeln erlaubt ist.“ Diese Feststellung zeigt ein mangelndes Verständnis der Regeln und Vorschriften, die den Embryotransfer regulieren, denn es hängt vom Land ab, in dem das entstandene Fohlen bei Geburt registriert wird. Anna Stojanowska wiederholte an der Pressekonferenz vom 29. Februar, dass es in Polen keine gesetzlichen Regelungen gibt, was die Ausspülung von Tierembryonen betrifft, daher wurde auch kein Gesetz gebrochen. Die einzige Beschränkung betrifft die Anzahl der aus Embroytransfer entstandenen Fohlen, die im Stutbuch registriert werden können. Aber die fraglichen Stuten wurden in die USA verpachtet, so dass die Regeln und Vorschriften des US-Stutbuchs zum tragen kommen, und diese kennen keine Limit für die Anzahl der Embryotransfer-Fohlen. Das war der Fall bei Wieza Mocy, die von Michalow in die USA verpachtet wurde, und für die ein unterschriebener Vertrag die Anzahl der Embyonen auf vier limitiert. Die Stuten kamen jeweils nach Ablauf des Pachtvertrags wieder zurück nach Polen, um hier weiterhin in der Zucht eingesetzt zu werden.
Die ANR beschuldigte das Management der beiden Gestüte weiter, dass sie Pachtverträge für Stuten mit ausländischen Zuchtstätten erlaubt haben, in einer Art und Weise, die die Interessen der polnischen Gestüte nicht vollständig absicherte und mit begrenzten Möglichkeiten der Wiedergutmachung. Zu ihrer Verteidung gaben die drei an, dass „der Pächter die Möglichkeit hat, Embryonen zu gewinnen und im Gegenzug verantwortlich ist für die Bewerbung der Stute, die Vorbereitung, das Training und das Vorstellen an den Schauen. Eine Kopie des Pachtvertrags wird gleichzeitig an die Stutbücher des Pächters und des Verpächters geschickt. Der Pächter kann dadurch nicht mehr Fohlen im Stutbuch registrieren, als im Vertrag festgelegt ist. Und ohne Registrierung im Stutbuch haben die Fohlen keinen Wert.“

Einige Zahlen und Fakten

Wie kann man nun der Erfolg eines Gestüts messen? Sicherlich geben Verkaufserlöse, Schauresultate und die Bilanz am Ende des Jahres einen guten Eindruck davon. Und es ist der Maßstab, an dem sich die neuen Direktoren werden messen lassen müssen. Wenn man diese drei Indikatoren heranzieht, so zeigt dies auch, dass die beiden Direktoren von Michalow und Janow Podlaski auf der Höhe ihres Erfolges gekündigt wurden.
Verkäufe – etwa 200 Pferde werden jedes Jahr von den drei Gestüten (Bialka eingeschlossen) verkauft, von denen etwa 20-25 an der prestigeträchtigen „Pride of Poland“-Auktion verkauft werden. Diese Auktions-Pferde hatten in den letzten Jahren einen Durchschnittspreis von 83.000 €. Die erfolgreichste Pride of Poland-Auktion fand 2015 statt, mit einem Umsatz von 3,99 Mio Euro, wobei das teuerste Pferd, das jemals von den polnischen Staatsgestüten verkauft wurde, die Stute Pepita, einen Rekordpreis von 1,4 Mio Euro erbrachte.
Schauergebnisse – Michalow alleine hat 21 Europa-Champions, 13 Welt-Champions und 11 US-Champions gezüchtet, das ist ein noch nie dagewesener Rekord. Wie auch die Schaukarriere von Pianissima aus Janow Podlaski einmalig ist – noch nie war ein Pferd erfolgreicher im Schauring!
Einnahmen – die beiden Gestüte erbrachten jedes Jahr einen Profit, der zwischen 140.000 und 850.000 Euro schwankte und stark vom Ergebnis der Auktion abhängt. Der letztjährige Ertrag lag bei 735.000 Euro für Janow und 530.000 Euro für Michalow. Diese Erlöse werden nicht nur durch die Pferde, sondern auch durch die anderen Aktivitäten der Gesütte, wie die Milchviehhaltung, erzielt.

Zukunftsaussichten

Bei dieser Art von irrationelen Entscheidungen, wie wir sie jetzt erlebt haben, muß man befürchten, dass früher oder später die Zuchtbasis verkauft wird, Stück für Stück. „Ich hätte nie gedacht, dass unsere polnischen Staatsgestüte, die zwei Weltkriege und den Kommunismus überlebt haben, jetzt, da wir in einer Zeit von Demokratie und Freiheit leben, womöglich geschlossen werden“, sagt Marek Trela.
Während er selbst schon seit einiger Zeit Befürchtungen hatte, dass so etwas passieren könnte, wurden die Araberzüchter und -freunde weltweit davon völlig überrascht. Aber die Unterstützung für diese drei Galionsfiguren ist überwältigend: Verschiedene Petitionen wurden gestartet, eine Website eingerichtet, Briefe wurden geschrieben von bekannten Züchtern wie auch von Institutionen aus aller Welt, Freiwillige nehmen sich die Zeit und übersetzen Interviews und Pressekonferenzen ins Englische und natürlich läuft der Informationsfluß auch auf Facebook auf Hochtouren. Aber wird all dies am Ende wirklich helfen? Ich vermute, die Hoffnung stirbt zuletzt…
Gudrun Waiditschka

Weitergehende Links:

Kommentar zur Situation in Polen

Der Fall Pianissima

23 Feb. Polish Government dismissed State Stud Staff
25 Feb. Protests over Polish State Studs showing effects
27 Feb. WAHO’s Reaction over Polish Situation

Petition zum unterschreiben: Petition bei Change.org
Website, die aktuell über alles informiert: Poland is not yet Lost!

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