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Sep 14 2016

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Makellose Schönheit?

Model-330pxSie lächeln uns an von den Regalen im Zeitschriftenhandel – die Mädchen auf den Titelseiten. Schön, makellos, ideal. Aber haben Sie schon einmal gesehen, wie diese Bilder gemacht werden? Das Foto – d.h. das eigentliche Fotoshooting mit dem Posieren vor der Kamera – ist nur ein kleiner Teil des späteren Titelbildes. Die wirkliche Arbeit findet am Computer statt. Hier erhält das Model seine makellose Haut, seine idealen Maße und selbst das schöne Haar. Sind da noch Falten oder Hautunreinheiten, die der Maskenbildner nicht ganz verdecken konnte? Sind die Arme, Hüften und Schenkel zu dick? Kein Problem für den Photoshop-Experten. Das Ergebnis ist ein Bild, das dem (vermeintlichen) Schönheitsideal nahe kommt, aber weit entfernt ist von der Realität. Und wir gewöhnen uns an diese Art der „Illusion“, wir hinterfragen sie schon gar nicht mehr, wir nehmen sie als „Norm“.
Und was hat dies alles mit arabischen Pferden zu tun? Leider sehr viel, denn in dem Moment, als wir aufgehört hatten, funktionelle Pferde zu züchten und stattdessen angefangen haben Schönheiten zu kreieren; in dem Moment, als wir aufgehört haben, Schauen als Vergleichsplattform für Zuchttieren zu sehen, und sie stattdessen zu Schönheitswettbewerben umgestaltet haben; und in dem Moment als wir aufgehört haben, Zuchttiere auszuwählen, die wir in Natura kennen, und uns stattdessen auf geschönte Bilder verlassen haben – in dem Moment haben wir uns dem Schönheitsdiktat unterworfen.
Es haben mir Züchter erklärt, dass das „verbessern“ von Pferdefotos, selbst bis hin zur Veränderung an Gebäude und Form (Kopf!) das gleiche ist, was auch die Profis in der Mode-Fotografie tun. Sie betrachten dies als völlig legitim, denn sie machen ja schließlich nur ein schönes Tier noch schöner, makelloser, idealer! Ja, mit dem einen großen Unterschied, dass die Models auf der Titelseite einer Modezeitschrift Mode verkaufen, nicht sich selbst, und schon gar nicht ihre Gene. Aber die meisten veränderten Fotos von arabischen Pferde suggerieren einem, dass „man bekommt, was man sieht“. Das aber stimmt nicht. Im Gegenteil – diese veränderten Fotos sind Betrug!
Selbst wenn man sich bewußt ist, dass ein Model im „wirklichen Leben“ nicht so aussieht, wie auf der Titelseite des Modemagazins, die idealisierten Bilder verändern unsere Wahrnehmung und unsere Erwartungen, wie eine schöne Frau aussehen sollte. Nicht anders bei Pferdefotos. Denn geht man in die sozialen Medien, sieht man das Ergebnis dieser veränderten Wahrnehmung auch in der Araberwelt: Da sieht man Fotos von Köpfen, besonders von Fohlen, die in einem Maße „photogeshoppt“ sind, dass sie eine Karikatur der Rasse darstellen. Aber diese Fotos bekommen viele „likes“ und Kommentare wie „oh wow, wie wunderschön!“. Das zeigt mir, dass sich bereits zu viele Menschen dieses künstliche Schönheitsideal zu eigen gemacht haben. Und schlimmer noch, sie versuchen diese künstliche Schönheit in ihrem „echten“ Zuchtprogramm zu erreichen, wobei es keinen Zuchtstandard gibt, der dieses verlangen würde.
Hin und wieder ist es meines Erachtens gut, unser Bild eines arabischen Pferdes nachzujustieren, und wegzukommen, von diesem suggerierten makellosen, künstlichen und extremen Bild, das so nicht existiert. Das echte arabische Pferde ist von zeitloser Schönheit. Die Fotos in unserem Magazin und auf unserer Website sollen ihnen dabei helfen, dies zu würdigen – und natürlich zeigen unsere Fotos das Pferd unverändert.
Gudrun Waiditschka

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