[:de]Im Wandel der Zeit[:]

[:de]Vielleicht muß eine Situation erst völlig verfahren sein, bis sich die Einsicht durchsetzt, dass man neue, andere Wege gehen muß, um etwas zu ändern. Wenn in einem so großen Land wie Deutschland, nur noch etwa zehn Züchter „Schaupferde“ züchten, wenn nur noch drei bis vier Aussteller sich auf internationales Parkett trauen, dann ist die „Schauszene“ auf ihrem Tiefpunkt angelangt. Diese Talsohle scheint notwendig zu sein, damit ein Umdenken stattfinden kann, denn nur wenn man den Ballast (die alte Form der „Schau/Show“) über Bord wirft, ist man frei für neue Ideen. So geschehen in Bayern, als die Initiatoren des „Tags des Arabischen Pferdes in Bayern“ ein neues Veranstaltungskonzept ins Leben riefen. So geschehen letztes Jahr beim „Noble Straight Egyptian Breeders Festival“ in Lochem/NL oder beim „Tag des arabischen Pferdes“ im Haupt- und Landgestüt Marbach. Die Idee ist es, das arabische Pferd den Menschen näher zu bringen, ohne Wettkampf, ohne „höher, schneller, weiter“, ohne Neid und Missgunst – einfach nur aus Freude am Pferd, an seiner Schönheit und Anmut.
Dieser Wandel spiegelt auch einen Trend in der Gesellschaft wider: War das Pferd in meiner Großeltern-Generation noch Kriegsgerät, Arbeitstier vor dem Pflug, der Kutsche oder dem Wagen, dann war es in meiner Jugend ein Partner zur Ausübung des Reitsports (und im schlimmsten Falle ein Sportgerät). Heute ist so mancher Freizeitreiter eher „Freizeitpferdehalter“, denn für ihn steht das Reiten gar nicht mehr im Vordergrund, ist nicht mehr alleinige Motivation zur Pferdehaltung. Vielmehr ist es die Mensch-Tier-Beziehung. Manch einem Pferdehalter reicht es aus, sein Pferd zu „betütteln“, ihm ein schönes Leben zu ermöglichen, und sich an ihm zu erfreuen. Ich will nicht behaupten, dass dieser neue, andere Weg der Beziehung zum Pferd schon bei allen angekommen ist. Natürlich existieren alle anderen Formen parallel noch immer, nebeneinander, in hoffentlich friedlicher Koexistenz. Aber es scheint eine Verschiebung der Paradigmen stattzufinden.
Gerade wenn es um die Mensch-Tier-Beziehung geht, kann der Araber unter allen anderen Pferderassen enorm punkten, denn er kann sich ausgesprochen gut auf den Menschen einstellen. Durch seine sensible Art nimmt er die Stimmung des Menschen wahr und manchmal scheint mir, hat das arabische Pferd mehr Empathie als so mancher Mensch. Diese Charaktereigenschaft, für die das arabische Pferd seit Alters her bekannt ist, ist es also, die wir erhalten müssen. Die typische Form der „Schau/Show“ hat der Rasse in dieser Hinsicht einen Bärendienst erwiesen. Neue Konzepte, zu denen auch die Amateurschauen mit ihrem etwas anderen Richtsystem gehören, bei dem auch die Mensch-Pferd-Beziehung bewertet wird, können hier das Image der Rasse wieder ins rechte Licht rücken. Wir brauchen Konzepte, bei denen der Charakter, die Intelligenz und natürliche Schönheit der Pferde im Vordergrund – und im Rampenlicht – stehen.
Zuchtverbände täten gut daran, die Zeichen der Zeit zu erkennen und ihre „Fördermaßnahmen“ nicht einseitig auf nur ein oder zwei „Betätigungsfelder“ (Schau und Sport) für das arabischen Pferd zu beschränken. Und wenn man selbst nicht in der Lage oder Willens ist, einen neuen Weg einzuschlagen, dann sollten doch wenigstens die unterstützt werden, die das Risiko eingehen, sich auf neues Terrain wagen, den Weg auskundschaften und bereiten. Denn die oben genannten Veranstaltungen tun dies nicht um ihrer selbst Willen, sondern für das Ansehen der Rasse, was letztendlich jedem einzelnen Züchter zugute kommt.
Gudrun Waiditschka
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