
Zurück zur Normalität
Olympia ist dieser Tage in aller Munde und mit dem Medaillenregen in Vielseitigkeit und Dressur haben sich unsere Olympioniken auch trefflich geschlagen. Dennoch ebbt die Kritik nicht ab, insbesondere im Dressursport kochen die Wogen hoch und werden unseriöse Trainingspraktiken, zu eng verschnallte Nasenriemen, zu unsensibel gehandhabte Kandaren, aufgerollte Pferdehälse, gestrampelte Bewegungen und vieles mehr (berechtigterweise) kritisiert. Und man stellt sich die Frage – wie konnte es nur so weit kommen? Wie konnte sich aus der klassischen Reitkunst (l’Art pour l’Art, die Kunst der Kunst wegen) ein solch pferdeverachtendes Reitspektakel entwickeln?
Eine umfassende Antwort läßt sich nicht in 3000 Zeichen pressen, wie sie für ein Vorwort zur Verfügung stehen, aber es gibt in meinen Augen drei „Hauptschuldige“: das Richtsystem, die Richter und das Geld. Diese Zusammenhänge lassen sich auch auf andere Bereiche, weg von der Dressur, übertragen – denken wir doch nur an den Schauring für unsere Arabischen Pferde! Je länger, je mehr komme ich zu der Überzeugung, dass das Punktesystem und die Richter, die dieses anwenden, die Ursache allen Übels sind, und das gilt für die Dressur genauso wie für den Schauring. Dabei spielt es keine Rolle, ob das 10er- oder 20er-Punktesystem zur Anwendung kommt, ob 5 oder 10 Richter bewerten, ob die höchsten und niedrigsten Noten gestrichen werden. Das alles sind nur (vergebliche) Korrekturmaßnahmen, die von der Hilflosigkeit derer zeugen, die für diese Misere verantwortlich sind.
Das Punktesystem fördert per se eine Tendenz hin zu Extremen, ob diese nun gestrampelte Bewegungen oder gedishte Köpfe sind. Früher mag diese Form der Bewertung noch funktioniert haben. Früher, als Dressurrichter tatsächlich noch Experten waren, die sich der klassischen Reitkunst verpflichtet fühlten, und früher, als Exterieurrichter noch anerkannte Hippologen waren, die sich der Rasse des arabischen Pferdes verpflichtet fühlten – damals mag das Punktesystem noch funktioniert haben. Doch diese Zeiten sind vorbei. Heute will kein Richter durch „realistische“ Notengebung aus der Reihe tanzen und sich von einem wenig fachkundigen Publikum ausbuhen lassen. Heute will man es allen recht machen, denn sonst landet man in der Versenkung und wird nicht mehr eingeladen.
Das Geld, der dritte Hauptschuldige, tut das Übrige. Es stachelt die Reiter an, durch noch mehr zweifelhafte „Trainingsmethoden“ noch spektakulärere Bewegungen herauszukitzeln. Und es stachelt die Vorführer an, durch ähnlich zweifelhafte Trainingsmethoden das Pferd in der Aufstellung in einer Schockstarre verharren zu lassen. Die unsinnigen Millionen, die jetzt durch Qatar (Global Champions Arabians Tour) und die UAE (Emirates Global Cup) in den Schauring geschwemmt werden, werden mitnichten dem Wohle des arabischen Pferdes dienen. Vielmehr wird damit der Ehrgeiz aller Beteiligten angefeuert, durch noch mehr „Tricks“ weiter vorne zu landen, um ein paar Krümel vom Kuchen abzubekommen.
Wir sollten wieder zurück auf den Boden der Normalität kommen. Das Schauprogramm „Wüstenadel“, das der Asil Club auf die Beine gestellt hat, war ein Anfang. Ja, es waren „Laiendarsteller“ aus der eigenen Züchterschaft und keine spektakulären Vorführungen, die das Publikum von den Sitzen gerissen hätten. Aber es war pferdefreundlich. Und dahin müssen wir wieder zurückkommen, denn die Mehrheit der Pferdefreunde will keine gequälten Pferde sehen.
Gudrun Waiditschka











