Editorial AP 4/2025 – Der schöne Schein

Das gab es eigentlich immer schon, die kleinen Übertreibungen, Unterlassungen und Verschönerungen, um ein klein wenig besser dazustehen, als man es neutral betrachtet täte. Das fängt bei kleinen Veränderungen an, und hört bei großen Manipulationen nicht auf.

Auch im Pferdebereich hat man früher schon Fotos retouchiert, hat den Hintergrund verändert, die Fliege auf der Nase entfernt. Das hat niemand gestört, hat es doch die Wirklichkeit nicht verzerrt. Als „Photoshop“ immer besser wurde, konnte man einem Pferd einen „Dish“ verpassen, wo kaum einer war – da wurde es schon kritisch. Heute aber sind mit Hilfe der KI (künstliche Intelligenz) Dinge möglich, die man sich vor 10 oder 20 Jahren nicht hätte träumen lassen.

Als ich den Auftrag zu den KI-veränderten Fotos in unserem Beitrag „Original oder Fälschung?“ gab, hätte ich nicht gedacht, dass die „so gut“ werden würden. Oder so erschreckend wirklichkeitsverzerrend. Und bei Fotos hört es ja nicht auf. Auch Videos werden mittels KI erschreckend „echt“ generiert. Vorbei die Zeiten, als man KI-Fotos ganz einfach erkannte, weil eine Hand mitunter 6 Finger hatte, oder an perspektivischen Ungenauigkeiten und Gangfehlern beim Pferd. Die KI lernt schnell! Häufig zu schnell für das menschliche Gehirn, um da noch mithalten zu können.

Aber der KI-Einsatz hört bei der Fotografie ja nicht auf – auch Übersetzungen gehen rasend schnell! Zugegeben, auch ich habe die KI für Übersetzungen schon verwendet, aber ich verwende es zur Zeitersparnis und auch nur bei Sprachen die ich selbst spreche und daher das Ergebnis überprüfen kann. Denn auch da gab es die merkwürdigsten „Übersetzungsfehler“!

Auch ganze Texte lassen sich „ganz einfach“ mittels KI schreiben. Wer dann aber unbesehen auf die darin enthaltenen Pseudo-Fakten vertraut, ohne alles akribisch nachzurecherchieren, begeht Verrat an seiner Zunft. Ich habe die Probe aufs Exempel gemacht, und Gemini gefragt: „Welches sind die besten Distanzpferdevererber?“ Unter vielen richtigen Vererbern und Linien wie Persik, Aziz de Gargassan, etc. wurde auch behauptet, dass das Haupt- und Landgestüt Marbach mit „Dahoman (Shagya) wertvolles Fundament für die Distanzzucht geliefert“ hätte – dabei hat Marbach noch nie mit einem Dahoman gezüchtet. Die Gefahr geht also von „Fake-News“ aus, die geschickt zwischen Tatsachen versteckt werden. Denn das wirklich fatale ist: Es liest sich alles immer völlig überzeugend, die KI vertritt ihre Behauptungen so lange, bis man sie mit ihren Fehlern und Falschinformationen konfrontiert. Im Gegensatz zu vielen Menschen bleibt sie aber auch dann immer höflich und gibt Fehler zu. Das hilft aber nichts, wenn man als Mensch den Fehler nicht bemerkt, der KI einfach glaubt und die aufgestellte Behauptung als bare Münze nimmt.

Ich frage mich immer häufiger, was macht dies alles mit uns als Gesellschaft? Wenn keiner mehr dem Foto, dem Video, dem gedruckten Wort glauben kann? Oder umgekehrt, wenn all diesem zu blauäugig geglaubt wird, und man auf Fake-News hereinfällt? Die Manipulation ganzer Gesellschaften war noch nie so groß wie heute. Und so einfach!

Die Büchse der Pandora ist geöffnet, und so liegt es jetzt an uns, zu lernen, mit den neuen Entwicklungen umzugehen. Wir müssen lernen, wo wir seriöse Informationen und unmanipulierte Fotos, etc. finden. Soweit es diese Zeitschrift betrifft, werde ich mich auch weiterhin bemühen, genau dieses zu liefern (oder entsprechend zu kennzeichnen).

Bleiben Sie wachsam!

Gudrun Waiditschka