Editorial AP 1/2025 – Porsche oder Dacia?

Wie oft habe ich es schon gehört: “Auf dem Papier kann man nicht reiten”. Wirklich? Das ist in etwa so, als wenn ich sagen würde: „Dein Porsche ist in keinster Weise besser als mein Dacia, denn mit beiden komme ich von A nach B“. Die Wahrheit aber ist doch, die Marke Porsche steht für bestimmte Eigenschaften – PS-Stärke, Schnelligkeit, Luxus. Die Marke Dacia steht dagegen eher für einfach, robust, zuverlässlig. So ähnlich verhält es sich auch mit „dem Papier“ eines Pferdes. Darin stehen die wesentlichen Daten wie Name, Geburtsdatum, Züchter. Und bei einem Rassepferd kommt noch das Pedigree dazu. Gerade die verschiedenen Namen im Pedigree stehen für verschiedene Eigenschaften des Pferdes, denn sie kann man als Synonym für eine bestimmte genetische Ausstattung verstehen. Wer ein Pedigree lesen kann – und das können leider die wenigsten – weiß zu jedem Namen eine Eigenschaft. Und die Krönung ist, wenn man auch noch aus Erfahrung weiß, wie sich diese Namen in bestimmten Kombinationen dann auswirken!

Wie beim Autokauf, so sollte man auch beim Pferdekauf vorher wissen, was man will und was man sich leisten kann. Will ich ein Reitpferd, dann schaue ich im Pedigree nach Vorfahren, die als Reitpferd genutzt wurden und vielleicht sogar unter dem Sattel Erfolge erritten haben. Will ich ein Rennpferd, suche ich nach Derby-Siegern unter den Vorfahren, will ich ein Showpferd, dann sind die klangvollen Namen der Champions im Pedigree wichtig. Man sollte von keinem Rennpferd erwarten, dass es eine Show gewinnt und umgekehrt, darum – und weil sich die Zucht so spezialisiert hat – ist es wichtig, die Namen im Pedigree zu hinterfragen, sich zu informieren, welche Eigenschaften sich hinter dahinter verbergen.

Und dann gibt es aber auch die, die behaupten, es reicht aus, das Pferd, so wie es vor einem steht, zu beurteilen. Hat es Reitpferdepoints? Dann kann man es auch reiten. Hat es „Snort & Blow“ und viel Dish? Dann ist es gut für die Show. Ganz so einfach aber ist es leider nicht, denn es gibt ja auch innere Eigenschaften. Und so zeigen sich die Arbeitseinstellung, Lernbereitschaft, Reitbarkeit und Ausdauer erst, wenn man das Pferd tatsächlich unter den Sattel nimmt! Die Wahrscheinlichkeit – und in der Genetik geht es immer um Wahrscheinlichkeiten –, dass diese Eigenschaften in einem Pedigree voller Reitpferde verankert sind, ist dabei natürlich größer, als in einem Pedigree voller Pferde, über die nichts dergleichen überliefert ist.

Was steckt also im Pedigree ihres Pferdes? Ein Porsche oder ein Dacia? Recherchieren Sie selbst über die einzelnen Pferde im Pedigree – zugegeben, das ist gar nicht so einfach, aber Sie werden sehen, es macht Spaß! Und am Besten machen Sie dies vor dem Kauf eines Pferdes, schließlich wollen Sie keinen Dacia kaufen, wenn Sie später Autorennen fahren wollen.

Gudrun Waiditschka